Rezension
Peter Paul Wiplinger
Wortbruch. Gedichte 2023–2025
Löcker Verlag 2026, 80 Seiten
ISBN 978-3-99098-247-1
„Verschwenderisch ergießt man sich auf Papier / Wer in Steine schreibt, wird sparsam mit Lettern“: Diese Zeilen Christine Bustas drängen sich unweigerlich auf, hält man den 80 Seiten zählenden Band „Wortbruch“ in Händen, auf dessen Cover ein Foto einer schlichten, schroffen Steinmauer prangt. Es wäre also nicht weit gefehlt, würde man denken, hier bräche jemand Wörter aus dem Stein. Doch kennt man das Œuvre von Peter Paul Wiplinger (im Folgenden PPW), der kürzlich seinen 87. Geburtstag gefeiert hat, weiß man, dass seine Titel nicht immer eindimensional gelesen werden müssen: Mit „Wortbruch“ könnte der Schriftsteller und Fotograf sehr wohl auch sein schon mehrfach abgegebenes Versprechen meinen, das letzte Buch bereits geschrieben zu haben – doch dann folgte noch eines und 2026 das hier vorliegende, und wie man hört, wird im Herbst das nächste Buch, „Handzeichen“, erscheinen und danach eine um Erfahrungen und Erkenntnisse ergänzte Ausgabe seiner „Positionen“. Denn als Dichter müsse „man Haltung haben“, wie PPW erst unlängst in einer Sendung des Literadio im Gespräch mit Astrid Nischkauer konstatierte, nicht Meinung. Seine Haltung kommt in konsequenter Weise auch in jedem Einzelnen seiner neuen Gedichte zum Vorschein. So gesehen, ließe sich diese Steinmauer auch als Steinbruch deuten, was uns nach Mauthausen führt.
Schwer und gehaltvoll wie Steine sind die Themen, die PPW wie ein unermüdlicher Sisyphos aufgreift: den unausweichlichen Tod, Erinnerungen an Familienmitglieder und Weggefährten, an die Kindheit, das Leben mit dem Altern und damit einhergehender Krankheit und freilich auch den Holocaust. In „Damals dort und hier und jetzt“ (S. 19) erinnert sich das lyrische Ich an seine Kindheitstage, als es an der Hand seiner großen Schwester über den mit Hakenkreuzfahnen übersäten Hauptplatz und unter „Sieg heil!“-Rufen der Bevölkerung gegangen ist, während ein langer Zug von „abgemagerten Gestalten“ hindurchgetrieben wurde. Es erinnert die eindringlichen Worte des Vaters: „(…) daß ihr/ ja nicht stehenbleibt und ja mit niemandem redet // (…) denn ein falsches wort zu falschen leuten und / wir sind geliefert weil jene die heil hitler schreien / die hassen uns die in den braunen uniformen // (…) die warten nur auf ein einziges falsches wort“. Hier überschattet der Titel sein Gedicht inhaltlich. – Björn Höcke von der AfD etwa macht in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ schon sehr deutlich, was er und seine Schwestern und Brüder im Geiste und auch in Österreich mit dem Begriff „Remigration“ meinen: „(…) neben dem Schutz unserer (…) Außengrenzen wird ein groß angelegtes Remigrationsprojekt notwendig sein. Und bei dem wird man, so fürchte ich, nicht um eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie Peter Sloterdijk sagte, herumkommen. Das heißt, dass sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.“ PPW spricht hier eine Warnung aus – und beweist zugleich auch Haltung.
Die Dichtung PPWs ist auch dementsprechend schnörkellos, verweigert sich jeglichem ästhetischem Anspruch und ist in ihrer Schlichtheit und Geradlinigkeit dennoch immer wieder überraschend poetisch und verspielt. Da ändert sich im allerersten Gedicht als Kontrapunkt zum Titel der Aggregatszustand der Wörter: Aus dem Wortbruchmaterial wird auf Seite 11 ein „Wörterregen“. Von einer geradezu kindlichen Lust getrieben, äußert das lyrische Ich hier den Wunsch, „alle wörter alle silben / alle buchstaben alle laute / noch einmal einsammeln / und in den himmel werfen“ zu können, „hinaus in ihre freihheit / in die ungebundenheit“. Dieser Jemand will „alles dem zufall überlassen“, denn führt letztlich „nichts zum gesetzten ziel“, steht er doch am Ende seines Lebens und blickt zurück auf ein umfangreiches Werk: „jetzt da alles aufgebaute zerbricht / und alles unwiederholbar endet / zerbricht auch die sprache und / die wörter fallen wie goldregen // vom himmel herab auf dich / werden im zerbrechen nur / zu wortschutt und staub“. – Welche Bedeutung hat ein lebenslanges, umfangreiches, auch noch so bedeutendes Werk, wenn man tot ist? „Wer tot ist, ist nur tot“, schreibt PPW in seinem Vorwort.
Er habe keine Angst vor dem Tod, wie PPW in besagter Radiosendung erklärt, doch das, was dieser mit sich bringe, sei eine einzige Schweinerei. In „Wortbruch“ habe er sich radikal an den Tod herangeschrieben, wie der Dichter offen bekennt, bleibt in seiner Radikalität aber ebenso maximal sanft, wie etwa in „Letzte Aussage“ (S. 31): Da erinnert sich das lyrische Ich an seine sterbende Mutter, die nach einem Schlaganfall nach Monaten des Schweigens plötzlich einen Satz artikuliert: „in Bozen haben vater und ich / dir damals einen leuchter gekauft“. Es ist diese tiefe Traurigkeit und auch eine Ergriffenheit, die einen übermannen, erinnert man einen solchen letzten Satz eines geliebten Menschen.
Und genau in dem Punkt offenbart sich die eigentliche Stärke des Dichters PPW: Er erhebt allein durch die ihm eigene Anordnung lapidarer Sachverhalte mit fast beiläufig gesetzten inhaltlichen Brüchen in einfacher Sprache das scheinbar Banale auf eine höhere Ebene und weitet damit den Bedeutungshorizont um ein Vielfaches. Da spricht keine altersbedingte Eitelkeit, da spricht kein Selbstmitleid, da wird ausschließlich gesagt, was ist, da wird ungeschönt benannt, was unweigerlich geschieht, jede Silbe zählt, keine ist zu viel und keine zu wenig.
PPW ist kein Mann der lyrischen Verschlüsselung, der Metaphern oder Sprachexperimente, er bleibt so konkret wie nur möglich und löst wie nebenbei die tiefsten Emotionen aus, etwa in „Kostbarkeiten“ (S. 42), einem Gedicht, in dem er eine schlichte Aufzählung der für ihn wertvollsten Momente unternimmt: „(…) eine Vogelspur im Schnee / das gute Wort zur rechten Zeit / die Berührung durch deine Hand / das Begreifen der Wahrheit / dieser einzige Augenblick / die nicht verlorene Zeit“. PPW schreibt sich somit explizit nicht nur radikal an den Tod heran, sondern vor allem auch an die Existenz.
Trotz seiner ernsthaften und auch zum Teil bedrückenden Thematik ist das Werk zumindest eine genauso zärtliche Huldigung des Lebens. Denn steht der Abschied unweigerlich vor der Tür, ändern sich auch die Prioritäten – man lässt Unnötiges weg, verzichtet auf Schmuck, bleibt beim Elementaren. In „Weihnachtsgeschenk“ erzählt das lyrische Ich von einem hölzernen Hutschpferd, das es 1945 nach Kriegsende von einem russischen Kriegsgefangenen geschenkt bekommen und „Igor“ getauft habe – während man zuhause um seine zwei Brüder habe bangen müssen, die sich damals noch in russischer Gefangenschaft befunden hätten und von deren Verbleib die Familie nichts gewusst habe. – Krieg, Faschismus, Diktatur und Autoritarismus bringen Leid, Schmerz und Tod. Immer und überall. Punkt. Die Kraft, die aus diesen Gedichten spricht, und die Wucht, die von ihnen ausgeht, lassen keinen Zweifel an der humanistischen, menschlichen und solidarischen Gesinnung des Dichters, der sich zeit seines Lebens der Conditio humana im Wortsinn verschrieben hat.
Man könnte auf so manches weitere Gedicht näher eingehen, doch muss unbedingt noch die sorgfältige Gestaltung des sehr liebevoll in Klappenbroschur produzierten Buches erwähnt werden: Das Vorwort des Schriftstellers, trotzig „Zum Abschied“ genannt, ist ein poetologisches Traktat, eine radikale Positionierung des Dichters und Menschen Peter Paul Wiplinger gegenüber dem Leben und dem Sterben – im Angesicht des eigenen unweigerlich nahenden Endes zerfällt jegliche Scham, jede Rücksicht auf sich selbst zu Staub. Die Essenz, die er suche, sei die „Wirklichkeit des Ausgesagten“, postuliert Peter Paul Wiplinger in diesen berührenden Zeilen. Die Klammer des Gedichtbandes schließt mit einem feinen unaufdringlichen Nachwort des geschätzten Kollegen Klaus Ebner in Form einer PPWs Werk mehr als gerecht werdenden Laudatio. Und Ebner endet mit einer Gegenfrage auf Theodor W. Adornos kulturkritisches Postulat, nach Auschwitz (und PPW zufolge auch nach Gaza) Gedichte zu schreiben sei barbarisch: „Doch wenn niemand mehr Gedichte schriebe, Bücher läse, Kunst schüfe – was bliebe dann von der Menschheit noch übrig?“ Klappt man dann das Büchlein zu, findet man eine von PPW ausgesuchte, in einen Grabstein gehauene Inschrift aus seinem Heimatort Haslach: „Die Worte münden ins Schweigen / Das Schweigen mündet ins Licht“. Im Nachhall dieser sparsam gesetzten und in den Stein geritzten Lettern dämmert bei aller Verzweiflung über die Grausamkeit und Unbelehrbarkeit der Menschheit am Ende doch ein Quantum Trost. Wir haben ihn dringend notwendig. Danke, Peter Paul Wiplinger, für dieses Buch!
Armin Baumgartner (2026)