Rezension
Kurt Svatek
Wo man icke sagt statt ich
Edizioni Universum 2025, 192 Seiten
ISBN 979-1282016216
Berlin ist die größte Stadt im deutschen Sprachraum, bevölkerungs- und flächenmäßig. Es hat 891 km² und ca. 3,6 Millionen Einwohner. In Wien, der Stadt mit der zweitgrößten Bevölkerungszahl, leben 2,2 Millionen Menschen auf 414 km². Hamburg hat eine größere Fläche als Wien, aber weniger Einwohner. So viel zu den Dimensionen an der Spitze der Großstädte im deutschen Sprachraum.
Berlin ist in jeder Hinsicht führend. Es umfasst zwar nur 12 Bezirke, aber 97 Ortsteile. Zu seiner Größe trug unter anderem wohl auch die flache Lage bei. Die Stadt konnte sich gut ausbreiten. Berlin wurde im 13 Jh. gegründet und nahm einen bemerkenswerten Aufschwung von der Hauptstadt der Mark Brandenburg, dann Preußens, und schließlich Deutschlands. Es hat eine sehr bewegte und problematische Geschichte, die vor nicht ganz 40 Jahren wieder eine bedeutende Wendung durch den Fall der Mauer nahm. Seitdem ist die Stadt, von der einst große kriegerische Konflikte ausgingen, eine Stadt des Friedens und des Ausgleichs geworden. Das empfindet auch der Autor so, der im heutigen Berlin zurecht eine liberale, aufgeschlossene, kulturell äußerst attraktive Stadt erblickt.
In Berlin bildete sich aus dem Mittel- und Niederdeutschen allmählich eine Stadtsprache heraus, mit Anteilen aus dem Polnischen, Niederländischen, Französischen und Jiddischen. Die Zentren des Dialekts findet man eher in den Stadtrandgebieten wie Spandau oder Reinickendorf. Die Sprache spiegelt zugleich die Spannung wider, die in Berlin herrscht. Im Zentrum mit seinem atemberaubenden Tempo wird kaum Berlinerisch gesprochen, wohl aber an seinen Rändern mit seinen Dörfern und Seenlandschaften. Ein recht bekanntes Gedicht aus dem Buch möge als Beispiel für diesen Dialekt dienen:
Berliner Klopsgeschichte:
Ich sitz’am Tisch und esse Klops,
uff eenmal klopp’s.
Ick kiecke, staune, wunda mir,
uff eenmal jeht se uff, de Tier!
„Nanu!“, denk ick, ick denk’: „Nanu?
Jetzt isse uff, erst war se zu?“
Ick jehe raus und kieke
Und wer steht draußen? … Icke.
Kurt Svatek, der zwar keine Berliner ist, aber oft dort verweilt und wohl auch dem Charme der Stadt verfiel, beschreibt diese in kurzen Beiträgen aus den verschiedensten Blickwinkeln – ihre sehenswerte Architektur, ihre kulturellen und kommunalen Einrichtungen, sowie Beispiele aus ihrer langen und ereignisreichen Geschichte. Auch der Alltag und das Lebensgefühl kommen nicht zu kurz. Der Berliner ist selbstbewusst, humorvoll und nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. In Berlin herrscht eine Mischung aus kühler Distanz einerseits und großzügiger Toleranz und Unbekümmertheit andererseits. Berlin ist „trockener“, aber auch schwungvoller als Wien. So weit diese Pole auseinander liegen mögen, der Berliner vermag sie zu vereinen. Das Buch präsentiert ein buntes und umfassendes Bild der Stadt, aber auch des Berliners, der nicht „ich“, sondern „icke“ sagt.
Bernhard Heinrich (2026)