Rezension
Peter Campa
Wien in 23 Kapiteln. Mit Photos von Wiener Motiven
Sisyphus Verlag 2026, 112 Seiten
ISBN 978-3-903622-08-1
Wien in losen Fäden
Wien in der Literatur – das ist meist ein Raum der Extreme. Wer an die Wiener Moderne denkt, hat vielleicht Peter Altenbergs Kaffeehaus-Skizzen vor Augen, in denen die Stadt in impressionistische Momente zerfällt. Bei Heimito von Doderer hingegen gerät Wien zur monumentalen Topografie, in der Stufen und Durchgänge das Schicksal der Figuren determinieren können. Zwischen musealer Verklärung einerseits und dem Versuch einer bürokratischen Vermessung andererseits positioniert sich Peter Campas Wien in 23 Kapiteln.
Spuren im Stadtbild
Wenn Campa die Gemeindebezirke durchmisst, drängt sich unweigerlich Pierre Bourdieus Konzept des „sozialen Raums“ auf. Für Bourdieu ist der physische Raum stets eine materielle Einschreibung gesellschaftlicher Hierarchien – anders gesagt: räumliche Distanzen spiegeln soziale Distanzen wider. Diese (oft unsichtbaren) Grenzen macht Campa lesbar, ohne jemals in einen akademischen Ton zu verfallen.
Er durchschreitet die Stadt mit einem Habitus, der permanent mit der Topografie interagiert und diese reflektiert. So wird etwa der bürgerliche 18. Bezirk nur en passant gestreift, wenn der Autor hingegen im 5. und 12. Bezirk, städtischen Räumen von völlig anderer sozialhistorischer Dichte und Dynamik, innehält, taucht er in deren Entstehungsgeschichte ab – wenn auch nur mit kurzen Tauchgängen.
Echos (der Kindheit)
Es ist ein ungeschönter und ehrlicher Spaziergang, auf den Campa uns mitnimmt. Und wie bei Gängen durch vertrautes Terrain üblich, fließen Gedanken ungebunden: Einfälle tauchen auf, Motive wiederholen sich wie ein Echo zwischen den Altbauten; manche Stränge verlieren sich in den Spuren der Autobuslinie 13A, andere enden in Hinterhöfen oder im Wald. Straßen und Plätze fungieren hier als Ankerpunkte für persönliche Assoziationen, die bis tief in die Kindheit zurückreichen. Es ist ein anderer Moment, der zwischen den Zeilen durchschimmert: die Geografie Wiens wird zur Projektionsfläche gelebter Geschichten.
Metamorphose
Das Buch zeichnet Bewusstseinsströme nach, statt enzyklopädische Fakten abzuarbeiten. Es will nicht belehren, sondern plaudern! Man blickt in das Leben, in das Gehen – in die Eingeweide einer Großstadt. Ganz nebenbei wird spürbar, wie sich das Bild Wiens im Laufe der Jahre gewandelt hat: Eine Metropole atmet Veränderung; das Verschwinden gehört ebenso dazu wie das Auftauchen von Neuem.
Wer Wien auf eine zutiefst menschliche Weise kennenlernen will, trifft mit Peter Campas Wien in 23 Kapiteln die richtige Wahl.
Erkan Osmanovic (2026)