Rezension
Simon Konttas
Wege der Schickung
Edition Melos 2025, 56 Seiten
ISBN 978-3-9505459-9-9
Landauf, landab werden wieder vermehrt Sonette geschrieben, findet diese altehrwürdige Form des gereimten, streng gedrechselten, streng auf zweimal vier und zweimal drei Verse beschränkten Gedichts wieder neue Ausprägungen, weit jenseits von allem marmornen oder papierenen Klassizismus.
Ein wichtiger Tür- und Augenöffner war hier in den letzten beiden Jahrzehnten Jan Wagner, der Dichter der „Regentonnenvariationen“. Er hat auf exemplarische Weise vorgezeigt, wie frei man sich gerade in einer gebundenen Form bewegen kann.
Ein Sonett aber kommt selten allein, es zieht seinesgleichen nach sich, es trägt fast immer den Keim zur Zyklusbildung in sich, und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass die meisten Lyriker/innen, die sich der Kunst des Sonetts verschrieben haben, früher oder später daran gegangen sind, einen Sonettenzyklus vorzulegen; Beispiele in der österreichischen Literatur sind etwa Anton Wildgans mit seinen „Sonetten an Ead“ (1913), einem heute vergessenen, einst viel gelesenen Werk; Paula von Preradović mit ihren „Dalmatinischen Sonetten“ (1933); aber auch, Generationen später und unter völlig anderen poetologischen Voraussetzungen, Franz Joseph Czernin mit seinen „elementen“ (2002), die mittlerweile zu den „Grundbüchern der Zweiten Republik“ zählen; sowie in jüngster Zeit Kirstin Breitenfellner mit „Gemütsstörungen“ (2019) und „gedichte ohne ich“ (2024).
In diese Reihe stellt sich auch Simon Konttas mit seinem Band „Wege der Schickung“: 21 Charaktere, in je ein Sonett gefasst, 21 Menschentypen treten darin vor den Vorhang des großen Menschheitstheaters und sprechen zu uns, sprechen von sich, ihrem Dasein, ihrem Weg, ihrem Geschick und ihren Ausweglosigkeiten. Ein Hassender und ein Ängstlicher, ein Ermüdeter und ein Zartbesaiteter, ein Kleingläubiger und ein Klarsichtiger, eine Hoffende und eine Verlassene und noch etliche mehr.
Ich gestehe: Hätte der Autor mich, ehe er sich ans Werk machte, gefragt, was ich von dieser Idee halte, ich hätte ihm wahrscheinlich davon abgeraten: „21 Typisierungen, 21 Rollengedichte in Sonettform wie aus einem antiken Lehrbuch, einer Charakterkunde von anno Theophrast, damit kann man heute nur Schiffbruch erleiden“, hätte ich wohl gesagt.
Zum Glück hat Konttas sich nicht von solchen Vorbehalten beirren lassen, sondern ins Werk gesetzt, was nun vorliegt: eine kleine Galerie von Lebensbildern, fragmentarisch jedes einzelne und Fragment im Ganzen, das nach allen Seiten hin, en gros und en detail weitergedacht und fortgeschrieben werden könnte, Zeugnisse aus einer Gegenwart, in der alle mit allen direkt oder indirekt in Kontakt treten können – und in der doch die meisten einsam zurückbleiben.
„Ich geh durch die Straßen und fühl mich allein“ – mit diesen Worten beginnt etwa „Der Zartbesaitete“ im gleichnamigen Sonett seine Rede, und jene des „Unterdrückten“, der sich am helllichten Mittag in Tagträume flüchtet, endet mit dem nüchternen, ernüchternden Geständnis: „Dann wach ich auf und bin allein …“.
Das alles kommt subjektiv, als radikale Selbstaussage und Selbstäußerung, ja mitunter auch als schonungslose Selbstentblößung daher und ist doch Kraft der Form, die Konttas ihm gibt, weit mehr als nur Stimmungsbild, ist plastisches Porträt.
An einzelnen, sehr vereinzelten Stellen nur hat man das Gefühl, dass die Form des Sonetts für das, was sich hier ausdrücken, was sich hier Bahn brechen will, zum Prokrustesbett wird, über weite Strecken aber passt das lyrische Parlando der hier auftretenden Figuren in den engen Rahmen aus Reim, Vers und Strophe wie der Kern eines Apfels in sein Gehäuse.
Den Höhepunkt erreicht dieser Zyklus meiner Meinung nach in seinem vorletzten, dem zwanzigsten Sonett, „Die Auswanderin“:
Ich bin sehr jung die Ehe eingegangen,
bekam ein Kind. Er schlug uns; ließ mich scheiden.
Ich zog den Sohn auf, wir lebten sehr bescheiden.
Das war vor zwanzig Jahren, ziemlich langen.
Ich lebte ohne Männer und hatte kein Verlangen,
mich wieder in den Hochzeitsstaat zu kleiden,
doch dass der Fremde sich verliebte, war nicht zu vermeiden.
Ich fühle mich jetzt wieder mal gefangen.
Mein Sohn zog aus, zu mir zog da der Mann,
in dessen Land ich, frei zu sein, stets strebte
(eine längere Geschichte: unser Land ist korrupt,
es gibt keine Arbeit und so weiter). Es war sehr abrupt,
dass ich mich erneut als die Schwächere erlebte.
Ich wollt’ doch was verändern! Ob ich’s jetzt noch kann? (S. 47)
Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Roman „in a nutshell“, mit offenem Ende und einer drängenden, bohrenden Frage als Ausklang.
Alles in allem zeichnet Simon Konttas in diesen 21 Sonetten ein düsteres Bild unserer zugleich so beziehungsreichen und beziehungslosen Lebenswelt; er reiht Stimme an Stimme, Lebensbeichte an Lebensbeichte, Schicksal an Schicksal, ohne zwischen den Zeilen zu urteilen, geschweige denn zu moralisieren. Mag er sich seinen Teil auch denken, er lässt die auftretenden Menschentypen einfach reden, und gibt ihrer Rede für die Dauer eines Sonetts einen offenen Raum.
Christian Teissl (2026)