Rezension
Gábor Fónyad
Was noch kommt. Roman
Elster & Salis Verlag 2024, 216 Seiten
ISBN 978-3-9505435-5-1
Und dann kam der Zweifel
Ein Mann, ein Urlaub und der Drang, das Dasein in Frage zu stellen: Gábor Fónyad liefert mit „Was noch kommt“ eine Vermessung der Midlife-Crisis.
Das Setting ist von trügerischer Alltäglichkeit geprägt. Max, Übersetzer und Lektor, fährt mit seiner Frau Sarah und den Kleinkindern Emma und Jakob nach England ans Meer. Begleitet werden sie von einer befreundeten Jungfamilie. Entspannung steht am Programm, doch die Auszeit mutiert zur existentiellen Bestandsaufnahme. Inmitten von Sandburgen bricht die Frage auf, die eine ganze Lebensphase definiert: Was war schon, was ist jetzt, was kommt noch? Fónyad seziert den Zustand eines Mannes, der perfekt funktioniert, aber nicht mehr spürt, wofür. Alternative Lebensentwürfe rücken in ein verlockendes Licht, während Risse im Beziehungsgefüge unübersehbar werden.
Leben im Leerlauf
Betrachtet man Max Krise durch die Linse von Pierre Bourdieu, offenbart sich ein Zerwürfnis im sozialen Raum. Sein bürgerliches Leben ist die perfekte materielle Einschreibung gesellschaftlicher Erwartungen. Doch sein Habitus – jenes System von Dispositionen, das Sicherheit geben soll – ist zur Maske mutiert. Dies zeigt sich in den vermeintlich idyllischen Momenten des Englandurlaubs. Während Max mit den Kindern spielt oder mit Sarah spricht, drängt sich ihm immer wieder die Frage auf, wie sein Leben seit der Matura in diese Bahnen geraten konnte: Warum ausgerechnet dieses Studium, diese Jobs und warum eigentlich (nur) diese Frau?
Die mitreisende Familie fungiert als Katalysator: Sie spiegelt Max jene Distinktionsgewinne wider, die sein durchgetaktetes Leben erstickt hat. Der Abgleich mit ihr, mit dem Paar Mona und Stefan und deren Sohn Theo, führt ihm vor Augen, wie sich alle im schieren Funktionieren verloren haben. Gábor Fónyad erzählt diesen Prozess bemerkenswert ruhig. Der Roman verharrt konsequent nah an Max; der Fokus – auch der Sprache – liegt auf seinem Erleben und Fühlen.
Faust und der Steppenwolf
Die literarische Verarbeitung der Lebensmitte steht in einer großen Tradition. Max reiht sich ein in die Riege jener Protagonisten, die am Zenit ihrer Biografie an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns zweifeln und verzweifeln. Unweigerlich denkt man an Goethes Faust, der im Studierzimmer das Erreichte verflucht und sich nach einem Ausbruch sehnt. Für Max ist dieser Ort der Verzweiflung jedoch kein gelehrtes Kämmerchen, sondern etwa die Küche der Ferienwohnung, das Auto oder ein Pub. Ebenso evident sind die Parallelen zu Hermann Hesses Steppenwolf: Wie Harry Haller ist Max zerrissen zwischen bürgerlicher Geborgenheit und dem Drang, diese Ordnung einzureißen. Der Reiz, aus den alten Rollenbildern auszubrechen und alternative Leben oder andere Liebespartner in Betracht zu ziehen, wächst unaufhaltsam. Fónyad befreit dieses klassische Motiv aus der metaphysischen Schwere und verankert es im Hier und Jetzt.
Der Knausgård-Faktor
Reizvoll ist dabei die intertextuelle Ebene. Dass Karl Ove Knausgård im Text wiederholt Erwähnung findet, ist kein Zufall. Wie der norwegische Autor widmet sich auch Fónyad der radikalen Entzauberung des Familienalltags. Es ist der zermürbende Kampf gegen das Banale – das Funktionieren als Service-Provider des Nachwuchses. Die einstige Liebesbeziehung zu Sarah ist in den Hintergrund getreten: Die beiden fühlen sich nicht mehr als Paar, sondern degradiert zu reinen Dienstleistern ihrer eigenen Kinder und Ehe. So sieht es zumindest Max. Doch während Knausgård oft in melancholischer Weite verharrt, setzt Fónyad auf pointierte Alltagsbeobachtungen. Was noch kommt ist ein kluges Buch über das Schwinden der Leidenschaft und den Versuch, sich jenseits vorgefertigter Rollenbilder neu zu behaupten – getrieben von dem Gedanken, im Leben noch etwas zu ändern, bevor es dafür zu spät ist.
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