Rezension
Hilde Langthaler / Regina Alfery
vom frühling in den herbst gesprungen. bilder und texte
Bibliothek der Provinz, 80 Seiten
ISBN 978-3-99126-339-5
„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ heißt es im Prolog zu „Wallensteins Lager“, und Friedrich Schiller hatte damals gewiss recht. Heute genießen allerdings – dank des Sonntag-Nachmittagsprogrammas der TV-Anstalten – auch mediokre Darsteller eine deutlich höhere Halbwertszeit.
Demgegenüber werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller weiterhin nur höchst selten nachhaltig mit Lorbeer geschmückt – gewiss, Schiller durchaus schon und etliche andere; doch allzu oft verschwindet der Name eines Autors, einer Autorin schon zu dessen Lebzeiten aus der Öffentlichkeit: Werke vergriffen, nicht mehr aufgelegt, keine Novität für Frankfurt und/oder Leipzig – und ab ins Literaturarchiv. Und überhaupt, wer erst einmal gestorben ist …
Nun, gottlob gibt es zuweilen eine treue Gemeinde und einen unermüdlichen Ehemann beziehungsweise Witwer. Hilde Langthaler, Verfasserin von Lyrik, Erzählungen sowie Theatertexten und Mitbegründerin des Wiener Frauenverlags (heute: Milena-Verlag) verstarb 2019, doch Richard, jahrzehntelang ein Teil ihres Lebens, macht Nachgelassenes der interessierten Öffentlichkeit zugänglich: Schon 2023 erschien „Brutpflege“ in der Edition Roesner, illustriert von ihm selbst mit Holzschnitten. Nun folgt ein Büchlein mit 16 lyrischen Texten, illustriert von Regina Alfery, einer Freundin der Autorin – gemeinsam schufen sie bereits 1998 ein Buch mit dem Titel „Gras dein Gesicht“.
Die Gedichte in „vom frühling in den herbst gesprungen“ sind durchwegs kurz, manche umfassen nur sechs Zeilen. Dies verweist auf das Streben zur Verdichtung, zur Fokussierung. So ist jedes Wort, ja wohl jede Silbe mit Bedacht gewählt, und auch Susanne Ayoub weist in ihrem ebenfalls knappen Vorwort ebendarauf hin. Und wer – wie der Verfasser dieser Zeilen – einst gemeinsam mit Hilde Langthaler an ihren Texten gearbeitet hat, weiß, welch Gewicht und Wertigkeit sie auf jede, auch die kleinste Nuance, auf jeden Punkt und jedes Komma legte.
Die Texte lassen Sentenzen zum Abschied erwarten, gezogene Bilanzen; und tatsächlich fragt ein Gedicht geradewegs nach dem Tod: „… aus staub bist du gekommen / zu staub kehrst du zurück / bis der herr dich neu bildet / er hat dich gewirkt im mutterleib.“ (was noch kein auge gesehen)
Hilde Langthaler war zeitlebens eine standhafte, eine beherzte Feministin und sparte nicht mit kritischen Worten, wo gesellschaftliche Umstände solche angebracht und nötig machten. Im vorliegenden Band finden sich allerdings auch häufig Worte, Begriffe, Ideen aus einem sozusagen sakralen Bereich, aus Zonen jenseits und außerhalb unseres Alltags: das Paradies, die Seligkeit, die Ewigkeit – wenn auch mit leicht ironischer Brechung: „wir kommen aus der ewigkeit / wir gehen in die ewigkeit / und in der kurzen zeit dazwischen … / schauen wir ständig auf die uhr“ (wir kommen aus der ewigkeit)
Und sie wirft die Frage auf, der sich jede Autorin und jeder Autor immer wieder stellt, stellen muss, um sie dann doch sogleich wieder ad acta zu legen: „warum schreibst du ein buch? / wenn du weißt, dass du sterben musst? / warum singst du ein lied? / wenn du weißt, dass du sterben musst? / warum singst du ein lied? / mag sein gerade deshalb.“ (warum malst du ein bild?)
Aus den Texten ruft die Beschwörung der Liebe, der Ruf nach ihr – aber auch das Wissen um die Hemmnisse und vielleicht eine Ahnung der Unmöglichkeit, etwa die Ratlosigkeit angesichts des Verfalls eines Gegenübers. (Altersheim)
Schlank wie Langthalers Gedichte sind auch die Zeichnungen von Regina Alfery, doch erschließen sie sich zuweilen nicht sogleich. Scheinbar rasch mit dem Kohlestift aufs Papier geworfen, ist doch auch hier nichts zufällig, zeigt sich eine in jedem Strich waltende Sorgfalt. Manchmal vordergründig gegenstandslos, werden sie dem geduldigen Betrachter zu Bilderrätseln, belebt von Schemen, von schwankenden Gestalten – um abschließend auch noch Goethe zu strapazieren.
Und mir blieb es, zumindest ein Kränzlein zu flechten.
Erich Schirhuber (2026)