Rezension
Didi Drobna
Ostblockherz. Roman
Piper 2025, 176 Seiten
ISBN 978-3-492-07280-9
Nach Didi Drobnás Buch Ostblockherz habe ich aus Neugier gegriffen, der Titel versprach mir eine Begegnung mit dem, was ich gut kenne. Ich bin selber Teil des Ostblocks, bin dort geboren und habe in diesem sozio-kulturellen Raum mein bisheriges Leben verbracht – mit Ausnahme weniger Monate im Ausland. Wie sich jedoch gezeigt hat, handelt das Buch auch (und vielleicht sogar hauptsächlich) von etwas, das ich nicht kenne – von der inneren Welt der Migranten, ihren Gefühlen und Erfahrungen in den fremden Ländern, wo sie versuchen, Fuß zu fassen, wo sie ihren Platz und ihr zweites Zuhause finden wollen. Ich habe nicht die Erfahrungen einer Migrantin, aber die Beschreibungen, die Drobná liefert, klingen für mich authentisch, glaubwürdig und suggestiv.
Beim Lesen des Romans habe ich mich auf zwei Ebenen konzentriert (das Motiv der Migration spielt in beiden eine Rolle): In der ersten geht es um die Beziehungen zwischen den Generationen innerhalb einer Familie, insbesondere um die Beziehungen zwischen Tochter und Vater; in der zweiten um sozialpolitische Einflüsse auf die Formung dieser Beziehungen, aber auch auf die Formung der eigenen Persönlichkeit. Der Roman ist eine bemerkenswerte belletristische und psychologische Studie einer Familie. Der Autorin ist es gelungen, mehrere Nuancen festzuhalten, die die Entwicklung einer Vater-Tochter-Beziehungen begleiten, sie hat sie sehr detailliert aufgezeigt und ist um große Präzision bemüht. Sie beschreibt die Wirkung der nicht mehr zeitgemäßen Stereotypen bezüglich der Geschlechterrollen, die in der Familie im Buch vor allem wegen des Charakters der männlichen Hauptfigur stark verankert sind. Zugleich reflektiert sie über die Besonderheit der beschriebenen Beziehungen, konzentriert sich darauf, wie im Alltagsleben einer Familie eine Machtstruktur funktioniert. Mit fast dokumentarischer Genauigkeit beschreibt sie das Trauma des Vaters, verursacht vom Leben im Ostblock und vom misslungenen Versuch eines neuen Lebens in einem freien Land hinter dem Eisernen Vorhang.
Als Autorin, der das Thema Tochter-Eltern-Beziehungen sehr nahesteht, erkenne ich diese Ebene im Roman als empathisch aufgegriffen und gut bewältigt an.
Über manches, das der Roman vom Leben im Ostblock vermittelt, lässt sich hingegen trefflich streiten, so etwa über den Eindruck, die Menschen dort seien eine homogene Masse gewesen, die alle das gleiche fade sozialistische Leben lebten und nur ein einziges Ziel kannten: in den so bewunderten und hochgepriesenen Westen zu gelangen, in den Raum der Freiheit und Demokratie (für viele galt das wohl). Oder die Behauptung, es habe dort kein Konzept der Persönlichkeit gegeben, welches die Grundlage gewesen wäre für eine mögliche adäquate Persönlichkeitsentfaltung und dass in den Familien keine liebevollen Beziehungen bzw. keine Emotionalität gepflegt worden wäre, war doch gerade das Gegenteil der Fall, bestätigt auch von soziologischen Untersuchungen: Im Sozialismus zogen sich die Menschen – frustriert von der politischen Situation – in ihre Familien zurück; dort suchten sie ihre Sicherheiten, pflegten feste emotionale Bindungen, ebenso wurde den Freundschaften eine große Bedeutung zugemessen. Die Wende zum Individualismus, zur Schwächung der freundschaftlichen Beziehungen (nicht selten sogar der familiären) trat nach 1989 ein, als andere Werte in den Vordergrund rückten …
Ostblockherz würde wegen seiner ernsten Thematik eine detailliertere Analyse verdienen, für die der Raum einer Rezension nicht ausreicht. Ich bin der Meinung, dass dieser Roman trotz einiger anfechtbarer Einzelheiten einen erfrischend wirkenden Text darstellt, charakterisiert durch minimale literarische Stilisierung. Obwohl er stellenweise aufgrund des Verbindens umfangreicherer Beschreibungen mit aussagekräftigen Dialogen und Reflexionen über die Schwerpunktthematik eher an eine dokumentarische Prosa erinnert, ist er doch ein für den Leser attraktiv und kultiviert geschriebenes Buch, welches einige Denkanstöße bietet.
Etela Farkašová (2026), aus dem Slowakischen übersetzt von Christel Spanik