Rezension
Beppo Beyerl
Mord in der Mariahilfer Straße
Historischer Wien-Krimi
Gmeiner 2026, 280 Seiten
ISBN 978-3-8392-8068-3
Beppo Beyerls dritter Fall um Oberinspektor Max Mitschek entführt den Leser in das Wien des Jahres 1932 und reiht sich nahtlos in die beiden vorangegangenen Romane „Mord im Lainzer Tiergarten“ und „Abgründe am Semmering“ ein. Wie bereits zuvor nutzt Beyerl die Kriminalhandlung nicht bloß als Spannungsgerüst, sondern als erzählerisches Vehikel, um ein Stück österreichischer Zeitgeschichte freizulegen – jene oft vernachlässigte Zwischenkriegszeit, deren Aufarbeitung hier mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit miterzählt wird.
Im Zentrum steht ein Geflecht aus illegalen Waffengeschäften, das sich von Italien über Österreich bis zu ungarischen Faschisten spannt. Besonders pikant erscheint dabei die Rolle der Heimwehr, die von diesen Machenschaften profitiert, obwohl den Verlierern des Ersten Weltkriegs Herstellung und Handel von Waffen untersagt waren. In Wien fungiert der Sicherheitsunternehmer Bernulli als Schlüsselfigur: offiziell zuständig für Ordnung im Kaufhaus Herzmansky, inoffiziell jedoch Waffenhändler im Dienst eines in Triest ansässigen Mafioso. Die Handlung verdichtet sich im Mikrokosmos dieses Kaufhauses, wo der Kaufhausdetektiv Ferdinand Schimek – wegen seines Jähzorns der „gache Ferdl“ genannt – nach dem Fenstersturz eines Verkäufers unter Verdacht gerät. Mitschek jedoch entkräftet diesen mit der ihm eigenen Mischung aus Routine und kriminalistischem Scharfsinn und erkennt den Vorfall als Unfall. Erst ein zweiter Fenstersturz, diesmal des rumänischen Sängers Traian Popandreu, entpuppt sich als Mord: Eine Schusswunde am Kopf des Toten lässt keinen Zweifel an der Gewalttat. Die Verwicklungen um Popandreus Beziehungen – sowohl zu einer jungen Köchin als auch zu einer Verkäuferin des Hauses – erweitern das Geflecht an Verdächtigen.
Mitschek selbst bleibt dabei die konstante Größe: ein Ermittler, der zwischen Grant und Gelassenheit changiert, dessen Arbeitsweise ebenso von Intuition wie von Wirtshausbesuchen geprägt ist – sei es bei einem Bier in der „Eisernen Zeit“ am Naschmarkt oder einem Glas Refosco in den eigenen vier Wänden.
Der eigentliche Reiz des Romans liegt jedoch weniger in der Auflösung der Straftaten als in seinem Tonfall. Beyerls Erzählweise wirkt wie eine unaufdringliche Plauderei, die historische Realität und kriminalistische Fiktion mühelos miteinander verwebt. Dabei treten die politischen Verwerfungen der Zeit klar hervor: die Radikalisierung unter Bundeskanzler Dollfuß, das Erstarken der Heimwehr, die zunehmende Gewaltbereitschaft und das Wachsen nationalsozialistischer Kräfte, deren Treiben von staatlicher Seite nur halbherzig gebremst wird. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der wachsenden Bedrohung jüdischer Händler am Naschmarkt.
So entfaltet sich neben der Krimihandlung ein dichtes Panorama Wiener Stadt- und Zeitgeschichte, das in seiner charmanten, souveränen Erzählweise überzeugt und den Roman weit über das Genre hinaushebt.
Rudolf Kraus (2026)