Rezension
Ingeborg Kraschl
Licht über dem Schatten. Erzählungen & Lyrik
Verlag INNSALZ 2025, 218 Seiten
ISBN 978-3-903496-36-1
Die titelgebende und längste der Erzählungen in diesem Band, ‚Licht über dem Schatten‘, beginnt mit einer gut durch die Zeit einer Mutter und Großmutter geführten psychologischen Studie, weitet sich sodann zu einem Ehedrama und erfasst auch noch die nächste Generation. Das letztlich glückliche Ende dieser familiären Geschichte kommt überraschend, auch ein wenig pathetisch – Stoff für Liebhaberinnen und Liebhaber von großen Gefühlen.
Weitere, zumeist kürzere, Erzählungen – 18 an der Zahl – tragen Titel wie ‚Das Schlösschen‘, ‚Auf den Spuren des Schusterhauses‘, ‚Maske der Lüge‘, ,Hotel an der Bahn‘ oder ‚Das Abschiedsgeschenk‘ und handeln ebenso von familiären Schicksalen. Die Autorin beschreibt mit Hingabe familiäre Verstrickungen und findet dabei zu starken Bildern, wie … feierte ihren bitteren Geiz wie eine Orgie ….
Zwei Geschichten handeln von Träumen – ‚Traum im Schnee‘ und ‚Traum‘. In ‚Traum im Schnee‘ wird eine harte, ja brutale, soziale Realität einer hell glänzenden Traum-Realität gegenübergestellt. Welche ist die realistischere?
In ‚Traum‘ durchlebt die Ich-Erzählerin – der Ich-Erzähler? – eine bedrückende Zukunft, die aber gegen Ende doch auch Hoffnung aufkommen lässt: Das bestärkte meine Überzeugung und auch die der anderen und unsere nicht mehr zu unterdrückende Hoffnung.
Immer wieder baut die Autorin neue familiäre Konstellationen vor uns auf, durchaus auch tragische, wie in ‚Ein besonderer Abend‘. Hier geht es um einen Weihnachtsabend, aber nicht so, wie man ihn sich gerne vorstellen möchte. Eine verstorbene Mutter schwebt über dem Haus ihrer Lieben, alle sind sie da, versammelt unter einem wunderschönen Baum, sie musizieren, sie singen; die Mutter sieht, es geht ihnen gut und fliegt beruhigt weiter. Gelassen blicke ich noch einmal vom Nachthimmel zurück … und entferne mich – für immer. Selbst in der Tragik tut sich ein Weg zur Versöhnung mit dem Schicksal auf.
In der Geschichte ‚Das Abschiedsgeschenk‘ geht es um komplexe Beziehungen zwischen drei Schwestern. Als zwei von ihnen – Agathe und Cecilie – zurückbleiben, geht es um ein emotionales Erbe, das gemeinsame Elternhaus. Bei aller Liebe zu diesem Haus bedeutet es doch eine nicht zu stemmende finanzielle Last. Und nun stellt sich – völlig unerwartet – das titelgebende Abschiedsgeschenk ein, das den Schwestern ein gemeinsames Leben im Elternhaus ermöglichen wird. Nun befand sich nichts mehr im Wege, dem Morgen die Tür zu öffnen … und die Zukunft hereinzubitten … Und eine Erwartung reichte ihnen die Hand, hielt sie fest und ließ sie nicht mehr los.
Ingeborg Kraschls Prosa empfiehlt sich für Liebhaberinnen und Liebhaber von Erzählungen mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
In eine ganz andere Stimmung führt uns ihre Lyrik. Titel wie ‚Spurenlos‘, ‚Vorsehung‘, ‚Spät‘ oder ‚Wandel‘ deuten bereits ernste Zeilen an. Angenehm melancholische Momente – kahle Bäume / greifen in Winterbläue / alles ruht – können düster Augenblicken werden, die sich nicht sogleich aufhellen wollen: Angst legt sich / als schwerer Mantel / um kalte Körper.
Im Gedicht ‚Schwinden‘ fällt unentwegt Schnee; es endet mit den Worten: ernüchtert starrt sie hinaus / ahnend / ein Verblassen der Träume / ihr unaufhaltsames / Entweichen / in ihren Tagen
Das Thema ‚Traum‘ beschäftigt Ingeborg Kraschl auch in der Lyrik, so im Gedicht ‚Versonnen‘: ich rette mich in Träume / zu dir / in dein Haus … mein Traum / trägt mich / durch das Dunkel / ich will es halten / und verweilen / da es meine Träume / nährt‘
In diesem Gedicht überwiegt das Dunkel, als ein ‚endloser Tunnel‘, als ‚vergebliches Warten‘. In eine ähnliche Stimmung versetzt uns das Gedicht ‚Wandel‘. Es schließt mit den Zeilen ich atme / den kalten Hauch / von Vergänglichkeit / auch meine Zeit / ist nur geliehen.
In die Gedichte ‚Vorsehung‘ und ‚Spät‘ tritt der Tod namentlich ein. ‚Vorsehung‘ beginnt so: Der Tod / streift um dein Haus / du versperrst Fenster und Türen.
In ‚Spät‘ finden sich folgende Zeilen: und wie sie nun das Haus / der toten Mutter betrat / hob kein Atem ihre Brust / das Dunkel nahm von ihr Besitz / drang in sie ein / und überschüttete sie / mit einer Trauer.
In der vorliegenden Zusammenschau von Prosa und Lyrik ergibt sich ein stimmiges Bild, was das Leben für uns bereithält, und ebenso ein facettenreiches literarisches Porträt der Autorin Ingeborg Kraschl.
Claudia Taller (2026)