Rezension
Regine Koth Afzelius
Homo Tapir
Edition Roesner 2025, 224 Seiten
ISBN 978-3-9505711-6-5
Es lebe der Tapir!
Der ›Tapir‹ bezeichnet, wie der Buchtitel Homo Tapir unmissverständlich verrät, eine Person; konkret: einen Mann, einen ziemlich viel nachdenkenden Mann, der in gewisser Weise in seiner eigenen Welt der Literatur und Philosophie lebt und nach außen hin etwas entrückt, träge und phlegmatisch wirkt. Dieser ›Tapir‹, der den Namen Paul trägt, ist, so lässt es sich am besten beschreiben, das ›amouröse Zielobjekt‹ der Erzählerin. Diese tritt nach Kontaktaufnahme über Facebook in Pauls Leben und … nun, hier wird es etwas kompliziert: Sie will ihn aus seinem Elfenturm herausholen; aber womöglich leistet sie ihm dort einfach Gesellschaft. In Wirklichkeit trifft wohl beides zu, und der Roman mutiert zu einer ganz besonderen Beziehungsgeschichte, in der profanes Alltagsleben, Literatur und prächtig Kauziges aufeinandertreffen.
Sowohl die Erzählerin als auch der ›Tapir‹ Paul sind literarisch tätig. Aus diesem Grund drehen sich sogar manche Gespräche um andere Autor*innen. Intertextuelle Bezüge gibt es am laufenden Band, und jenes Kapitel, das besonders auf Thomas Bernhard Bezug nimmt, erinnerte mich sogar vom Stil her an die typischen bernhardschen Monologe. Der selbsterklärte ›Tapirismus‹ wird auf die Spitze getrieben, wenn er, im launischen Austausch mit Freundin Tonie, frech Einzug in die Titelwelt der Literatur hält: »Vor Tonies Aufbruch spielt man noch eine Runde Tapirtitel: Tapire in den Zeiten der Cholera, Der Tapir ohne Eigenschaften, Anrufen des Großen Tapirs, Der Tapir in Venedig, Endstation Tapir, Die Blumen des Tapirs, Im Namen des Tapirs, Der Waldbauerntapir, Die Tapirstiege (…).« (S. 80)
Es ist die ungewöhnliche Erzählhaltung, welche die besondere Würze dieses Buches ausmacht: Wir haben mit einer Erzählerin zu tun, ja, doch ihr Erzählton klingt auf eine Art und Weise distanziert – sie spricht von sich selbst als »man« –, dass eine Ironie zutage tritt, wie sie in der Literatur selten vorkommt. Die Lektüre setzte mir gleich vom Beginn weg ein Schmunzeln ins Gesicht, denn viele Formulierungen klingen dermaßen spitzzüngig oder skurril, dass ich auflachen musste. Somit sei auch gleich auf die Gefahr dieser Lektüre hingewiesen: Die Lachmuskeln werden definitiv strapaziert.
Die Anbandelung der Beziehung wird von der Erzählerin betrieben. Pauls Trägheit erfordert mehrmalige Strategieanpassungen. Der folgende kleine Ausschnitt soll dies illustrieren:
»Also sieht man sich kurz vor Jahreswechsel genötigt, die Taktik zu ändern, und schreibt privat im Messenger: Gerne würde ich Sie kennenlernen. Und staunt nicht schlecht, denn noch am selben Tag die Antwort: Er sei überrascht und erfreut, und klar, kein Problem, er treffe öfters Facebook-Freunde.
Das war ja einfach, denkt man sich. Und weil man doch den ersten Schritt gewagt, harrt man voll Ehrfurcht auf den zweiten. Seinen. Aber da kommt nichts. Nicht an Tag eins, nicht an Tag drei. An Tag fünf stechen einem Pauls Wienfotos ins Auge: Sie zeigen, dass er mit kahl-geschorenem Kopf den Geburtstag in der Hauptstadt verbracht hat, quasi in Hörweite, leider ohne dass ihm die Idee gekommen, einem etwas zuzurufen. Man bespricht dies mit der besten Freundin Tonie, die zum zweiten Feldzug rät.« (S. 8)
Die Einfädelung klappt natürlich, und die Erzählerin berichtet locker flockig vom gemeinsamen Alltag und den Bemühungen, den träg-verträumten Elfenbeinbewohner in den Haushalt einzubinden. Das läuft dann etwa folgendermaßen ab: »Also greift man endgültig zur Selbsthilfe, reißt sich das imaginäre Opfer von der Stirn, pickt stattdessen Dompteuse hin und bringt Paul dazu, wenigstens die Abendbrote zu präparieren. Nach Anlaufschwierigkeiten überrascht er schon bald durch Raffinesse, Sorgfalt und endlose Ausdauer. Kunst braucht Zeit, sagt er und verziert die Stücke für einen: ein Artischöckchen hier, ein Gurkerl oder Zwieberl da, Radieschen und Olivchen dort, zwei Radeln Paprika, ein Klacks Senf – man ist gerührt, weil er für den eigenen Teller immer bloß ein, zwei bescheidene grobe Happen richtet.« (S. 88) Ich hätte nicht gedacht, dass die Vorbereitung eines Abendessens so lustig sein kann.
Die Erzählerin ist auf ein harmonisches Zusammenleben bedacht, gibt zum Gaudium der Leser*innen dessen Skurrilitäten preis und legt sich ordentlich ins Zeug, um hoffnungsvollerweise den langsamen Partner irgendwann mitzureißen, aber sie erkennt durchaus: »Man ist ständig betriebsam, Paul nie.« (S. 57)
Die Sprache klingt an vielen Stellen sehr österreichisch. Da werden Begriffe verwendet, die ich eher aus meiner Kindheit kenne (weil die Eltern sie verwendet haben), Wörter, die in der heutigen Umgangssprache selten geworden oder komplett verschwunden sind. Regine Koth Afzelius flicht solche Wörter in den Text ein, oder es werden Aussagen kursiv zitiert, die nicht nur ein österreichisches Flair haben, sondern stellenweise ins Dialektale kippen. Sie bewirken ein Schmunzeln, eine Freude über bereits verloren geglaubte Formulierungen, und sie tragen in nicht zu unterschätzender Weise zum Lesegenuss bei. Und das alles im Ping-Pong mit wissenschaftlichen Theoremen, Details aus dem Leben berühmter Leute und dem Sarkasmus medizinischer Realitäten: »Nüchterne Blutabnahme erzeugt in den eigenen Eingeweiden den Alarm des Verhungerns, wo man doch sonst viel länger durchhält. Na, das ist aber umfangreich, was Sie da alles brauchen, da werdenS sich länger gedulden müssen fürs Ergebnis, das sind ja recht ungewöhnliche Werte, argwöhnt der praktische Arzt und zapft das Blut in tausend Röhrchen, als teste er gemeinhin nur Cholesterin, Insulin und höchstens noch a bisserl Vitamin D, unter dessen Mangel neuerdings ja die ganze Welt leidet, weil der Himmel so grau, und ist er einmal nicht grau und man tankt Sonne, grüßt der Hautkrebs, lose-lose.« (S. 169 f.)
Regine Koth Afzelius wurde 1962 in Wien geboren und lebt heute im Weinviertel. Sie studierte Architektur an der Arkitektskolen Aarhus in Dänemark und an der Universität für angewandte Kunst in Wien (Meisterklasse Holzbauer). 1997 erhielt sie ihr Architekturdiplom. Sie arbeitet als Webdesignerin, bildende Künstlerin und Autorin. Sie ist unter anderem Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes. Einzelpublikationen in Literaturzeitschriften sowie Romanveröffentlichungen bei Müry Salzmann und Edition Roesner. Homo Tapir ist ihr vierter Roman.
Die Autorin führt uns augenzwinkernd durch eine Welt, in welcher die in Lateinamerika und Südostasien vorkommende Säugetierfamilie der Tapire für so gut wie alles herhalten muss. Ich bin sicher, dass diese sich, könnten sie lesen, ebenfalls den Bauch vor lauter Lachen halten müssten. Der Roman überzeugt durch die urkomisch ironische Sprache ebenso wie durch gewieft angerissene Themen (quasi Gott und die Welt) und lässt uns an der nicht so ganz deklarierten, aber doch de facto etablierten Paarbeziehung der beiden teilhaben.
Dieses Buch ist ›schräg‹, ja; und als Leser*in kann man gar nicht anders, als den Kopf ebenfalls schräg zu halten. Also, auf in die Buchhandlung und in Regine Koth Afzelius’ und Pauls schräge Welt des Tapirismus!
Klaus Ebner (2026)