Rezension
Klaus Ebner
Glut – Legende vom Woher und Wohin
BoD 2025, 494 Seiten
ISBN 978-3-6951-2618-7
„Glut“ – mit seiner „Legende vom Woher und Wohin“ umspannt der Autor Klaus Ebner Jahrtausende; beeindruckend – betreffend den Autor – und herausfordernd – für Leser und Leserinnen. Zur Strukturierung des knapp 500-seitigen Romans greift Ebner auf die vier Elemente zurück – Feuer, Wasser, Erde und Luft.
Das „Feuer“ beginnt – wortgewaltig bricht es nicht nur über die Höhlenmenschen herein, auch über uns Lesende. Nach einem vorangestellten „Anbruch-alpha“ begeben wir uns mit dem ersten Protagonisten Mewonn ins Feuer, genauer, zum geheimnisvollen Feuerberg. Die von diesem Berg ausgehenden Gefahren sowie die gesamte Bergszenerie wirken in der Drastik ihrer Schilderung nahezu surreal.
Einer der Gipfel … zerplatzte und verursachte ein noch gewaltigeres Gedröhn, als ohnehin schon herrschte. Ein Blitz, der aus dem Berg fuhr, ließ Mewonn blinzeln. Eine gleißend helle Feuersäule verharrte hoch über ihm, und winzige Brocken heißen Gesteins begannen auf ihn herabzuregnen … Eine massive Wand aus Feuer und Licht senkte sich über ihn.
Mewonn gelingt es schließlich, das Feuer zu zähmen und es mitzunehmen; das Feuer verleiht ihm Macht. Mit der Macht kommt aber auch die Gewalt ins Spiel und mit der Gewalt die Verachtung. Die Sprache wird nüchtern, wird realistischer.
Die Blicke aller lagen auf ihm … „Das Feuer ist mein …“, betonte er mit leiser, aber fester Stimme. Alle standen still … Sie wagten kaum, sich ihm in den Weg zustellen, immerzu mit Furcht die Fackel in seiner Hand beobachtend, die Flamme, deren gleißendes Licht nicht und nicht abnahm.
Weiter geht es in der Zeit mit Schilderungen der brutalen Natur. Und wieder ist da einer, der etwas zum ersten Mal schafft – er baut am Berg ein Schiff aus Holz. Und wieder werden dieser Vor-Denker und sein Denken vorerst abgelehnt.
„Ein Schiff! Was für ein Unsinn! Ein Schiff am Berg. Wo gibt’s denn sowas … Ich verstehe nicht, wie kann uns ein Schiff in den Bergen tragen?“
Neben den Schilderungen der Natur klingen religiöse Themen an – ein Kain- und Abel-Motiv, der Bau der Arche Noah. Die breit angelegten Schilderungen werden immer wieder durch Dialoge aufgebrochen. Von Kapitel zu Kapitel – entsprechend dem kontinuierlichen Voranschreiten der Menschheitsgeschichte – treffen wir ununterbrochen auf neue Protagonisten. Bedingt durch die Vielzahl handelnder Personen gestaltet sich eine Identifikation mit dem Geschick eben dieser Personen eher schwierig.
Der Autor liebt das Erzählen, doch nicht nur er. Auch seine Protagonisten erzählen Geschichte um Geschichte, das geht hin und her und her und hin – mitgebrachte Geschichten als mitgebrachte Geschenke etwa.
„Werdet Ihr Eure Geschichte erzählen?“ „Oh gewiss, … Aber zuerst … zuerst möchte ich, dass sie mir ihre Geschichten erzählen. Ich möchte die Sagen der Stadt kennenlernen … Dann werde auch ich die Geschichten des Sagrosgebirges erzählen … Wir werden viele Geschichten haben, Geschichten, die unser Leben erzählen.“
Die beiden, die sich hier austauschen, befinden sich in der Stadt Uruk, im Zweistromland; und wir Leserinnnen und Leser befinden uns noch im ersten Teil, im „Feuer“.
Geschichte um Geschichte erzählt uns der Autor über die Geschichtenerzähler. Doch es bleibt nicht beim Erzählen, die Geschichten werden auch aufgeschrieben. Die Schrift kommt in die Welt und damit auch die Dichtung. Nun geht es ab ins „Wasser“.
Die Schilderungen der nächsten Generationen nehmen ihren Lauf. Eva und Adam tauchen auf, das Land Kanaan, Moshe, Joshua, der Gott Israels, der Auszug aus Ägypten.
Und dann kommt ein Händler aus dem Hochland von Assam und bringt Tee mit.
„Ich brühte Tee, ja, ja. Mitten im Dorf, in der Mitte des Marktplatzes … Ich brühte den Leuten den wundervollen Tee, den sie nicht kannten … Sie folgten dem Duft, den meine Teeblätter verströmten, ja, sie sammelten sich vor meinem Topf und besahen gespannt mein Tun.“
Generation folgt auf Generation, Namen folgen auf Namen; manchmal wird es schwierig, ihnen zu folgen. Gerade noch wurde aramäisch gesprochen, schon ist es hebräisch.
Wir verlassen das „Wasser“ und betreten die „Erde“.
Es geht nicht mehr nur ums Schreiben, jetzt geht es auch um Literatur als Kunst.
„… beim Schreiben geht es nicht nur darum, Lettern zu erfassen und zu verstehen, sondern ihr müsst … das zu Sagende, dem ihr Ausdruck verleihen wollt, dergestalt auf das Blatt bringen, dass andere … nicht nur stumme, taube Zeichen sehen, sondern ein Gefühl erfassen, nämlich jenes, das ihr in dem Augenblick, in dem ihr Zeile um Zeile aufschriebt, empfunden habt.“
In diesem Abschnitt werden Frauen als Handelnde eingeführt. Gewalt gibt es auch gegen sie.
Akerbas drückte die Unterarme zusammen, und mit einer schnellen Drehbewegung gelang es ihm, die Hände der Frau … zu packen und festzuklemmen … Er fasste an ihren Hinterkopf und näherte sein Antlitz gegen allen Widerständen dem ihren.
Mord wird begangen wegen einer Frau.
Akerbas wandte den Kopf zu Seite. Dumpf erkannte er das wütend verzerrte Gesicht. Die Helligkeit der Lichtung jedoch genügte, um die Klinge, die in Brusthöhe auf ihn zusauste, gleißend aufblitzen zu lassen.
Personen treten auf und gehen unter; kaum nimmt man Anteil an ihrem Geschick, entschwinden sie schon wieder. Und plötzlich sind die Römer da und die „Christiani“ – und wir, die Lesenden, sind schon im vierten Teil des Romans, der „Luft“.
Mittendrin zwischen Römern und Christen finden sich die Juden. Ihr Misstrauen gegen den Machtzuwachs der Christen wächst. Diese beginnen sich ihrerseits von den Juden zu distanzieren. All diese Themen werden – in lebhaft geführten Dialogen – herausgearbeitet.
Und nun tritt der Gesandte auf, Muhammad, es geht um neue Regeln, so auch um die Frage, ob Gesetze rückwirkend gelten dürfen.
„Nein, niemand muss etwas zurückgeben.“ „Das verstehe ich nicht.“ Eine der Frauen stand auf … und verschaffte sich Gehör „… dass jene, die bereits verheiratet seien und deren Brautgaben nun die Menge überstiegen, die der Gesandte festgelegt hatte, dass diese Frauen nichts davon zurückgeben … sollten, weil die Begrenzung ja erst später entschieden worden sei.“
Mit dem Gesandten Muhammad ist plötzlich das Anfangsthema der Höhlen wieder da.
„Und jedes Mal bewahrheitet sich, dass die Menschen Höhlen suchten, um das, was sie aufgezeichnet haben, in Sicherheit zu bringen … Du weißt ja, dass einst eine Höhle auch dem Gesandten …“ „das Leben gerettet hat. Ja, ich weiß.“ … „Und so, wie sie Muhammad geholfen hat, so hilft sie uns, wenn sie die heiligen Rollen aufbewahrt.“
Freilich gibt es auch Diskussionen über Allah, so, ob man Allah überhaupt beleidigen könne. Die hierzu vertretenen Meinungen werden wiederum in – durchaus hitzigen – Dialogen abgehandelt.
Und plötzlich taucht die titelgebende Glut auf, die Glut einer Esse – eine Schriftrolle, eine gefälschte, landet in der Glut. Für immer ausgelöscht.
Doch der Disput „Wort gegen Schwert“ ist noch nicht ausgestanden.
„Es ist einzig das Wort, … es ist das Wort, das uns stark macht, nicht die Klinge!“ „Dein Wort ist die Lüge!ׅ“ „Das Wort ist unser Reichtum, das Wort, das uns lehrt, wo wir die Liebe und das Licht finden, das Wort, das uns erst zu dem macht, was wir sind!“
Und plötzlich befinden wir uns im Irakkrieg. Ein amerikanischer Händler erwirbt eine Tontafel mit Keilschriftzeichen, 5000 Jahre alt. Doch er weiß nichts damit anzufangen; er wirft sie in den Müll, weil sie beschädigt ist. Sein Diener, ein Einheimischer, holt die Tafel aus dem Müll. Mit der ausführlichen Schilderung der Situation dieses Amerikaners im Irak befinden wir uns in einer Zeit, die etliche Leser und Leserinnen bereits erlebt haben dürften.
Umso mehr gilt dies für den nächsten Abschnitt – Integration versus Assimilation in Österreich. Die zu diesem Thema geführten Dialoge klingen schon sehr bekannt.
Doch dann hebt der Autor ab – in die Zukunft, in den interstellaren Raum. Mit einem Raumschiff geht es Richtung Sirius. Bei den mitreisenden, jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bekommt plötzlich ein Buch eine Bedeutung, die Bibel. Und eine der Top-Pilotinnen führt für die vieljährige Reise zum Sirius einen Talisman mit – es ist eine Rekonstruktion der beschädigten Tontafel mit der Keilschrift. Wie die Zukunft so spielt …
Eine schöne Legende ist auch, dass genau diese Pilotin während ihrer Reise durch den Weltraum Aufzeichnungen führt – handschriftliche!
„Wieso schreibst du es mit der Hand?“ „Das gibt mir Ruhe. Entspannung. Mehr Zeit zum Nachdenken.“
Und uns, den Lesenden, gibt der Autor mit dem „Geraun-omega“ noch einiges zum Nachdenken mit. Hat er das Garn vom Anfang bis zum Ende zur Geschlossenheit ent-wickelt?
Klaus Ebner hat in diesem Buch einen Bogen gespannt über Jahrtausende, Aufgabe der Rezensentin ist es, einen Bogen über hunderte Seiten zu spannen. Für mich geht es in diesem Roman um die Bedeutung des Erzählens und um die Weitergabe des Erzählten durch das Aufschreiben.
Der Autor macht es vor – er erzählt und erzählt, und das kann er ziemlich gut. Und er hat das, was er uns erzählen will, für uns aufgeschrieben. Auch das kann er ziemlich gut. Wir müssen es nur lesen wollen, dürfen uns von der schieren Fülle des vor uns Ausgebreiteten nicht abhalten lassen, zu beginnen. Und es bedarf einer hohen Motivation, durchzuhalten. Dicht bepackt mit Wissen, kann es den einen Leser, die andere Leserin durchaus überwältigen. Doch – tragen wir die Glut weiter! Nehmen wir die Herausforderung! Dann kann es geschehen, dass sich der anfangs über-forderte Geist unmerklich zu einem ge-forderten wandelt. Ist es nicht eine der vornehmsten Aufgaben von Literatur, unseren Geist zu fordern?
Claudia Taller (2026)