Rezension
Gerda Sengstbratl
Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald
Edition fabrik.transit 2026, 386 Seiten
ISBN 978-3-903267-94-7
Dieser Roman erzählt die wahre Geschichte einer begabten Künstlerin, der es gelungen ist, ihr Leben trotz widrigster Umstände erfolgreich zu meistern. Berührend, authentisch, eindringlich, stark!
Der Traum
Wir befinden uns im Paris der 1980er Jahre: Croissant, Café au Lait, Gitanes. Voulez-vous couchez avec mois? Die Ich-Erzählerin Gerda ist achtzehn, arbeitet als Au-pair und spricht kein Wort Französisch. Sie kommt aus einem kleinen oberösterreichischen Dorf, hat gerade maturiert. Sie hofft, in Paris eine andere zu werden, eine Dame: immer blauer Lidstrich. Immer blondes Haar. Bald wird sie in Salzburg Französisch, die schönste aller Sprachen, und Englisch studieren.
Ihr eigener Körper ist ihr fremd. Ihr NEIN wird nicht gehört! Im Paris der 1980er Jahre: Männer, die die junge Frau bedrängen, verfolgen, sich vor ihr entblößen. Dennoch meint sie, angekommen zu sein: (…) bin tutu und Versailles, ich bin opéra. Die wertschätzende Art ihres Sprachlehrers lässt sie Mut und Hoffnung schöpfen. Als dieser aber nach wenigen Monaten den Kurs verlässt, ist sie verzweifelt. Trost findet sie bei Emmanuel, einem jungen Mann aus Uganda. Er ist Waise und von Folter gezeichnet. Immer schon hatte Gerda großes Mitgefühl mit Geflüchteten und Menschen am Rande der Gesellschaft, doch nun erlebt sie direkt mit, unter welch unwürdigen Bedingungen ihr Freund und seine Familie leben müssen – eine außerordentlich prägende Erfahrung. Sie möchte Emmanuel helfen, möchte ihn retten. Sie muss! Ein Zwang, der dazu führt, dass die junge Frau in eine äußerst schwierige Beziehung verstrickt bleibt, Einsamkeit auch weiterhin ihre Begleiterin ist. Da wie dort fühlt sie sich nicht zugehörig:
Wieso bin ich nicht hellblau, dunkelblau? Wieso bin ich nicht Bourgeoisie? (…) Es ist die Zeit der Pferdegestüte, der Reitstunden. Ich kann nicht reiten. Segeln. Segeltörn. Ich kann nicht Bretagne. Ich kann nicht Le Midi. Lavendelfelder. Lavendelsäckchen in kleinen Tüchern mit provenzalischen Mustern in Ocker und Weiß. Ich kann nicht Côte d’Azur. (S. 26)
Die Realität
Wir befinden uns im Salzburg der 1980er Jahre: Ein karges Studentenzimmer, PVC-Boden, Korklaminat. Rahmfisolen mit Kartoffeln, Vollkornbrot. Die Protagonistin ist vollkommen auf sich allein gestellt, ihre Enttäuschung über das durch und durch verschulte Sprachstudium groß. Es gehe nur um Sätze und Theorien von Männern über Männer. Die Sprachen, die sie so liebt: Alle sind sie tot. (S. 41)
Zudem leidet Gerda an der Isolation in der Großstadt, an der „Unberührtheit“ ihres Körpers, die im Grunde schon vor ihrer Geburt begonnen habe. Gedanken an die entbehrungsreiche Kindheit kommen auf, an die arbeitssame, kalte, schweigende Mutter, an den hartherzigen, misogynen Vater – beide Nachkriegskinder –, deren Unfähigkeit (oder Unwilligkeit?), Gefühle zu zeigen. Keine Hand, kein Schoß, kein Umarmen, kein Kuss, kein Lächeln. (S. 34)
Zwei Jahre hatte es gedauert, bis eine liebevolle Wahl-Oma für die Kinder (Gerda hat eine Schwester und einen Bruder) gefunden wird. Doch: Da ist der Schaden schon angerichtet. Da haben sie uns schon schreien und fast verdursten lassen. Da haben sie uns schon allein in einem Zimmer eingesperrt schreien lassen und uns nicht berührt. Nicht gehalten. Nicht gewiegt. (S. 89)
Nicht nur in der Salzburger Zeit, auch in den Folgejahren werden Freundschaften zu Frauen, zu Frauengruppen, von denen sich Gerda angenommen, gesehen fühlt, für die Protagonistin Kraftquell und seelische Heimat zugleich.
Sie tritt aus der Kirche aus, verliebt sich in Petr, einen sanftmütigen jungen Tschechen (Milá Kocická!, mein Kätzchen, schreibt er in jedem seiner Briefe). Als Petr in die USA auswandert, erträgt sie das Getrenntsein nicht: zu stark ist ihr Bedürfnis nach Nähe, Berührung. Widerwillig lässt sie sich auf ein Verhältnis mit einem vierzehn Jahre älteren Mann ein, einem Akademiker (Dr. Dr.), der sich als Alkoholiker und Frauenheld entpuppt. Sie fühlt sich in dieser Beziehung gefangen. Sie weiß nicht, warum sie bleibt.
Wie ein Kind, das bleiben muss …
… ein kleines, mit blondgelocktem Haar, das in einen Lauflernwagen gesetzt wurde, vor dem elterlichen Gasthaus, der dazugehörigen Fleischerei. Und dem nun alle Leute über den Kopf streicheln, im Vorübergehen, und das von lachenden Fleischhauergesellen mit Silben gefüttert wird (sag einmal: Hu; sag einmal: Re). Ein kleines Mädchen, das, bevor es noch „Mama“ und „Papa“ sagen kann, Schimpfwörter und Beleidigungen von sich gibt. Im Krämerladen des Nachbardorfes vom Vater einfach vergessen wird, gemeinsam mit seinem nur wenig älteren Bruder.
Wir Kinder schlafen im Wirtshaus ohne verschlossene Türen. Jeder Gast aus der Wirtsstube kann eintreten und wieder gehen. Ich weiß von nichts. Ich habe vor Leuten, die mich knebeln, Angst. (S. 93)
Gerda ist ein „böses Kind“, das sich mit dem Bruder um die Mutterhand streitet, das beißt und tritt. (Die Vaterhand will niemand berühren.) Hätte sie gewusst, was noch passieren würde, hätte sie dem Bruder die Mutterhand gelassen.
Wenn ein Kind ein inneres Zimmer mit Nichts betritt, erschrickt es. Es tritt auf der Stelle und bricht ein mit dem Fuß, so als trete es auf morsches Holz. Immer wieder wird es an diesen Ort zurückkehren. Wird nach einem Grund fragen. (S. 100)
Die „Speis“ des Wirtshauses ist immer voll; beim Essen werden die Kinder nicht reglementiert. Doch wie sollen sie sich vor dem emotionalen Verhungern retten? Auf welche Weise könnten sie gerettet werden?
Im Spannungsfeld zwischen den Gefühlen
Zwischen dem Zwang, benachteiligten Menschen helfen zu müssen, und einer schier unerträglichen Sehnsucht nach Nähe, nach körperlicher Berührung – ein Dilemma, das über die Jahre Freundschafts- wie Paarbeziehungen der Protagonistin maßgeblich beeinflusst.
Gerda Sengstbratl legt mit Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald ein äußerst berührendes, gesellschaftspolitisch mehr als brisantes Portrait einer Frau vor: klar, authentisch, reich an Bildern, mit teils ungeschminkten, schonungslosen Einblicken in höchstpersönliche Befindlichkeiten, Wahrnehmungen, die eigene körperliche Verfasstheit. Eine absolut bemerkenswerte, für die Leserin manchmal irritierende Zugangsweise. Doch trotz aller Offenheit wird stets respektvoll erzählt, und obendrein so mitreißend und leidenschaftlich, dass frau einfach mitfühlen, mitfiebern muss.
Das sorgfältig gestaltete Buch mit grandiosem Cover (einem Selbstportrait der Autorin und Malerin) ist in fünfzehn, von Gerda Sengstbratl selbst illustrierte Kapitel gegliedert, die durchaus (auch auf Grund einer gewissen Fülle von Namen und Details) getrennt voneinander gelesen werden können.
Wir folgen einer außergewöhnlich mutigen und politisch engagierten jungen Künstlerin auf ihrem Werdegang von Salzburg in die USA, nach Bordeaux und Wien, und werden Zeug*innen, wie es ihr gelingt, sich vom tyrannischen Elternhaus zu befreien, psychische Abhängigkeiten ebenso wie persönliche Schicksalsschläge zu überwinden, um schlussendlich doch privates Glück zu finden und sich beruflich zu etablieren. Wir erleben mit ihr, dass es möglich ist, einen Traum wahr werden zu lassen!
Annett Krendlesberger (2026)