Rezension
Ronald Pohl
Dreyfus’ Säbel – eine Rückabwicklung
Ritter Verlag, 144 Seiten
ISBN 978-3-85415-692-5
„Ehe ich zerbrach, spiegelte ich mich heftig. Dabei schien ich früher nicht eher beisammen, als bis ich bis in die Scheide des Juden Dreyfus geglitten war. (…) Seinetwegen fuhr ich in stattlicher Männer Bäuche. Ich zerteilte ganze Landstriche – nur um festzustellen, dass es Gliedmaßen waren, die ich auch ohne Säbel hätte abtrennen können, mit Leichtigkeit.“ Schon in den ersten Sätzen dieses Buches wird man in einen Sog aus Worten gezogen, deren Aneinanderreihung wie der Antrieb einer Magnetschwebebahn wirkt – einmal eingestiegen, fährt man mit, ob man will oder nicht. Der Schriftsteller Ronald Pohl lässt in seinem neuen Prosatext einen Säbel über dessen eigenen Geschicke und Dienstherren schwadronieren und unternimmt dabei wie nebenbei einen profunden Exkurs durch die abendländische Kulturgeschichte des sinnlosen Mordens bis hin zur Dreyfus-Affaire.
Diese geschwätzige Hieb- und Stichwaffe steht am Ende ihrer martialischen Karriere im Dienst des später durch einen von Antisemitismus getragenen Justizskandal berühmt gewordenen jüdischen Offiziers und wird am Knie eines „fetten Kerls“ zerbrochen – was der Säbel genauso als Schmach empfindet wie dessen Träger selbst, war er doch an so vielen historisch bedeutsamen Gemetzeln beteiligt wie etwa der Schlacht von Sedan oder wurde nach Sewastopol in den Krimkrieg geschickt. Dieses märchenhafte Setting erinnert frappant an die Fantasiewelten eines Gert Jonke.
Ronald Pohls Meisterschaft ist dabei aber unbestritten seine Stilistik. Er lässt dem Säbel ein aus dem Fin de Siècle stammendes Idiom angedeihen, wodurch man förmlich das Hufgeklapper auf dem Kopfsteinpflaster hört und den Geruch der Kloake in den Pariser Gassen des ausgehenden 19. Jahrhunderts in der Nase hat, die Enge und den Zwang damaliger sozialer Verhältnisse fühlt und sehr bald erkennt: In dieser geschliffenen metallenen Klinge spiegelt sich die Menschheit mit all ihrer Grausamkeit und Empathielosigkeit bis hin zum Opportunismus. „(…) mein Streich hieb ihn um, und ich glaubte das Leid, das ich ihm angetan, gerechtfertigt. Warum? Jemand hatte mich geschmiedet, geschärft, mit Öl eingestrichen. Mein Glanz bildete den Ausweis von Willkür, von blinder Schärfe. Ist nicht auch der Block des Scharfrichters Gegenstand des Vollzugs: dumpf und taub gegenüber Mitleid; ein Klotz, der Lebenssäfte trinkt, und dennoch keinen rechten Eindruck hat von der Schlechtigkeit der Welt, weil er doch wirbelt und hängt am dünnen Faden des Einverständnisses – wozu nicht mehr gehört als schmiedeeiserne Gefügigkeit“ (S. 10). Diese Gefügigkeit, die der am Ende doch zerbrochene Säbel so preist, samt der offenen zur Schau gestellten Ablehnung von Barmherzigkeit ist es, was Hannah Arendt als Dummheit etwa im Fall eines Adolf Eichmann bezeichnete: die Abwesenheit der Fähigkeit respektive den Unwillen, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen.
Das Mordwerkzeug spricht ohne Skrupel, ja beinahe prahlerisch über seine todbringenden Fertigkeiten und erhebt sich sogar herablassend über seine Geschwister aus Stahl: die Guillotine, den Brieföffner, den Degen, das Bajonett usw. Doch lässt es sich auch zu Bewunderung für so manches profaneres Werkzeug hinreißen: „Mein dumpfester Verwandter, mit jedem Zoll so dick, wie ich mager bin, ist der Vorschlaghammer: Die Lüfte bieten ihm keinen Widerstand. Er vollführt eine pfeifende Musik, bevor er, gegen Holz oder Stein gewandt, seine Macht in den Dienst der Erdanziehungskraft stellt. Meine Kollegen verlachen ihn ob seiner unleugbaren Grobheit: Dabei schlüge er sie, sobald er sich gegen sie erhöbe, mit Leichtigkeit zu Klump“ (S. 24).
Unzweifelhaft ist da jemand am Werk, aus dem die Formulierungslust sprudelt wie die Lava aus dem Vulkan. Von diesem Redeschwall getragen, werden wir Zeugen kolonialer Zerstörungswut, bestialischer Kriege, Entgleisungen der Zivilisation, kurz: historischer Ereignisse bis hin zur Dreyfus-Affaire, die als Oral History, als Tagebuchaufzeichnungen einer über Jahrhunderte in etlichen Schlachten und Kriegen im Dienst ihrer Besitzer stehenden Mordwaffe mitsamt deren Befindlichkeiten und Meinungen gespickt erzählt werden. Damit gelingt dem Autor, was trockener Geschichtsunterricht selten vermag: all das Leid, die Schmach und die Kränkungen, den Verlust menschlicher Würde, durch die Überheblichkeit, das Besitz- und Machtstreben sowie Allmachtsfantasien eines sich als Zentrum der Aufklärung und Wertekompass verstehenden abendländischen Kontinents verursacht, aus der Perspektive des Individuums zu begreifen.
So entsteht vor unseren Augen ein Wimmelbild eines Hieronymus Bosch, in dem geknechtete Gestalten, siechende Leiber und schmerzverzerrte Fratzen auf Erlösung hoffen, die vom personifizierten Bösen, von der Unmenschlichkeit und dem Antisemitismus geblendet und geleitet werden: „Popen schlugen Kreuze in die von Raucharomen schwangere Luft; auf den von ihnen wohlbereiteten Boden rotteten sich Muschiks zusammen – mit im Wahn rollenden Augen zerrissen die aufgebrachten Bauern alle heiligen Schriften, derer sie habhaft geworden; steckten Rabbiner in Fässer, rollten diese Uferböschungen hinunter“ (S. 96).
Noch detailreicher wird Pohl bei der Beschreibung der Umstände, die zur Affaire Dreyfus geführt haben: Der junge Alfred, dessen Vater ein Elsässischer Textilunternehmer war, erlebt die Pogrome in Ruthenien, weiß von seiner jüdischen Herkunft und den antisemitischen Strömungen, doch zunächst verläuft die Karriere für den jungen Militär wie geschmiert: „Dreyfus gelangte in den Besitz seines Offizierspatents, ohne dafür, sinnbildlich: einen Finger krumm gemacht zu haben“ (S. 100) – dass bei der feierlichen Übergabe seines Patents (wie wir erfahren) Offenbach gespielt worden sein soll, ist eines der zahlreichen charmanten Details, die dieses Buch bietet. Nunmehr im Generalstab angekommen, sieht sich Dreyfus als einziger Jude einer Schar katholisch geprägter Widersacher gegenüber: „Die Generalstäbler standen, wie zum Beweis – im besten Einvernehmen miteinander: Sie machten Kratzfüße voreinander, kratzbuckelten – dazu mahlten ihre Kinnladen, wie nach Verspeisen ungeheurer Leckerbissen“ (S. 102). Sie sehen ihre Vormachtstellung durch die Gleichstellung eines Juden mit ihresgleichen gefährdet – und der Verrat nimmt vor dem Hintergrund der Pariser Weltausstellung seinen Lauf. Pohl flicht akribisch recherchierte Fakten kunstvoll zu einem lebendigen Geschichtswimmelbild, in dem der Abgesang auf die Zivilisation ertönt. Da wird auch schon einmal die Verurteilung eines Unschuldigen in Kauf genommen, nicht nur, um den eigenen Kopf zu retten. „Wie gern wäre ich, der friedliebendste Säbel auf der Welt, aus der Haut gefahren: ‚Ich klage an‘“, zetert der Säbel (S. 140).
Ronald Pohl hat mit „Dreyfus’ Säbel – eine Rückabwicklung“ einen äußerst dichten, einen durch und durch politischen Text (die Anspielung auf Émile Zolas „J’accuse“ ist offensichtlich) geschrieben, der nicht nur durch seine virtuose Stilistik und durchwegs auch humorige Bildhaftigkeit glänzt (man hätte noch so manches Zitat anführen können), sondern ebenso durch die vielen historischen Details, mit denen er aufwartet, und beweist damit einmal mehr seine singuläre Position in der heimischen Literaturlandschaft.
Armin Baumgartner (2026)