Rezension
Katrin Bernhart
Dori Dachs sucht ihre Farbe
Innsalz Verlag, 36 Seiten
ISBN 978-3-903496-39-2
Schlägt man das Buch auf, «wehen» auf der Deckel-Innenseite erst einmal starkfarbig bunte Blätter schräg über das Papier. Auf dem Titelblatt liegt dann die stark personalisierte Hauptfigur DD – warm weiß mit spitzem Kopf und kugeligem Bauch – rücklings auf einem sanftgrünen Wiesenstreifen, während sich über ihr ein Regenbogen wölbt.
Ausgangspunkt ist, auf einem grünen Sofa liegend, der Dachsdame Stoßseufzer «Wünschte, ich wäre so schön wie du, möchte ein paar Farben zum Weiß dazu». Also macht sie sich auf, um in ihrer Umgebung die verschiedenen Möglichkeiten im Bunten herauszufinden. Sie stellt fest, dass, abgesehen vom Angebot eines «Color»-Geschäfts und dem Einblick in ein Malerinnen-Atelier, ansonsten die Natur zwar viel Anschauungsmaterial bietet, sie aber doch eine Art Übersetzung, sprich eine Vermittlung braucht. Also führt die Feststellung «Mag mein Fell einfach nicht, finde es viel zu schlicht» im Beobachten oder auch Aufsuchen von Tiergenossen von Katze über Vogel über Schmetterling über Eichhorn über Schwein über Frosch über Käfer bis schließlich zum – (siehe unten). Letztlich wird die Bitte von Dori Dachs um ein Überlassen, eigentlich nur ein «Ausborgen» oder ein «Leihen» von jeweils charakteristischen Farben an die Kontaktpartner von diesen mit höflichem Bedauern aus einer Vielzahl von Gründen abgewimmelt. Immerhin gibt es (ziemlich mittig im Buch) ein Experiment: Sie nutzt den Rat des Schweins, suhlt sich im Matsch, freut sich über die Bräune, aber der nächste Regen wäscht alles wieder ab. Sind in der Natur die Jahreszeiten durchgezogen (etwa mit reif behangenen Obstbäumen oder Herbstlaub), bleibt am Ende nur der Winter und die Entdeckung, dass der Schneehase «Du, du … siehst ja aus wie ich!». Das ist die Wende: Dori erkennt, das Weiß gehört eben ganz zu ihr, passt zu ihr, weil «bin schon ein ganz besonderes Tier!» Zum guten Ende gönnt sie sich nach all den Anstrengungen und Enttäuschungen im Bewusstsein «egal wie ich aussehen mag» einen (ersten) «Wohlfühltag!»
Alle Blätter – stets Doppelseiten – sind im Hintergrund verschieden einfarbig gehalten. Das ergibt in gewisser Weise eine Abfolge von Violett über Gelb, Grün usw. bis … zum Weiß. Hineinkomponiert sind Angaben zur Umgebung, sei es ein Innenraum als Atelier, sei es ein Waldstück, sei es ein Brombeerstrauch. Beschränken sich die ersten vier Szenen auf je ein Seitenpaar, werden bei den folgenden bis zu drei Bildfolgen aneinandergereiht. Alle Darstellungen bekommen einen Aquarellcharakter, während Dori letztlich immer im Weiß verharrt. Der Vorteil: Farben sind, inhaltlich stimmig, in ihrem weich lebendigen Charakter (des Pinselduktus) demnach stark auf ein Zusammenspiel, einen Austausch ausgerichtet. Ein gewisser Nachteil: Dori ist nicht immer gut auszumachen oder gar zu erwischen für kleinere Kinder. Dass die buchstäblichen Nebensachen weit mehr ins Auge fallen, ist vielleicht Absicht – um die Farben als wesentlichen Haupt-Inhalt zur Geltung zu bringen.
Zum anderen bekommen bei diesem Arrangement über die Seiten verstreut platzierte, relativ groß gehaltene, inhaltlich eng dazu gehörende Reimzeilen ein auch – den zweigleisig aufgebauten Inhalt – formal ausgleichendes Gewicht. Die kleinen Gedichte regen zum Vorlesen an, wobei ihre verschiedenen Farben wie Grau für Dori und Bunt für Möbel und Blumen oder Landschaftsstücke den auftauchenden Tieren entsprechen und somit einen Dialog ermöglichen. Dialog heißt Austausch, heißt zu klären, welche Farbe wem oder was zugeordnet und dauerhaft bestimmt ist. Dem anerkennenswerten Vorhaben gereicht es nicht zu einem essenziellen Nachteil, wenn die Reime manchmal doch etwas holzschnittartig daherkommen. Freilich gibt es zusätzliche Arbeitsblätter, welche man sich gratis per QR-Code scannen oder downloaden könnte.
Insgesamt liegt ein wirklich schönes Buch vor, das – ein großes Kompliment! – mit seiner reich gestalteten Thematik deutlich über sich hinausweist und nach dem Zuklappen weiter in die unmittelbare Nähe des/der kleinen oder großen Schauenden und Lesenden hineinwirkt – sodass das vielleicht folgende Fragespiel Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst sich konsequent mit Farben verbinden muss …
Martin Stankowski (2026)