Rezension
Astrid Kohlmeier
Dir zugeneigt. Gedichte
Dir zugeneigt. Gedichte
der wolf verlag 2025, 110 Seiten
ISBN 978-3-903354-31-9
Was wäre die Unterhaltungsindustrie vom „Blauen Engel“ bis zu „Harry und Sally“, von „Dein ist mein ganzes Herz“ bis zu „Atemlos durch die Nacht“ ohne – die Liebe. Oder gar die Lyrik, wo seit Sappho und Catull Herzen zueinander finden. Oder eben nicht.
Wer kennt das nicht: Süße und auch bange Tagträume gleich nach einem Kennenlernen, kalte Hände, der steigende Puls, Drehschwindel im Kopf; fiebernde Haut, von Begehren gelenkte Reisen durch die Nacht und Umstände, die ebendies dann manchmal doch vereiteln; das Gefühl des Verschmelzens, des Sich-immer-schon-gekannt-Habens, der Wunsch nach Entgrenzung und nach Ewigkeit. Aber auch verstörende Zweifel, Rückzüge und die Rückzüge von den Rückzügen, Enttäuschung, Zorn, Schmerz, befreites Aufatmen, wehmütige Gedanken an das Vergangene, allmähliches Vergessen und das Wiederauftauchen zartbitterer Erinnerungen …
All das kennt offenbar auch Astrid Kohlmeier, und sie hat es in ihrem Buch in Worte gegossen – in gerade Sätze, uneitle Worte, gleichwohl manchmal versetzt mit einer kühnen Wendung und sogar mit einem kleinen Zitat aus Goethes „Werther“. Doch wo eine Bekanntschaft ein Herz näher angeht, muss nicht mit Metaphern geklimpert werden, es muss der Ton nicht hochgeschraubt werden, wenn Lust, Weh und Herzeleid doch tief sind, wie es bei Nietzsche zu lesen ist.
Zumeist wird ein Gegenüber unmittelbar angeredet, ein Du: „Ich atme ganz allein für dich / Ich deck’ dich zu mit meinem wirren Haar“ (Sehnen). Neben dem Einswerden mit dem Du steht jedoch alsbald Skepsis: „Du sagst, du wolltest mich – / Ich frage mich, nicht dich, wozu“ (Ich frage mich). Das Gefühl wird einmal nur heraufbeschworen für den Augenblick: „Es genügt / Dass du mich heute ein klein wenig liebst / Ohne morgen, übermorgen und für immer“ (Es genügt) – sozusagen als ein emotionaler One-Night-Stand, um andernorts gleichsam zu heiligem Ernst zu finden: „Ich vergesse und finde mich in dir / Wie du dich gleichsam in mir“ (Fliegen).
Die Autorin faltet den Fächer der Liebe weit auf, stellt Gefühle von Null bis Hundert aus oder vielmehr von Minus Hundert bis Hundert. Es gibt die Euphorie, in der ihr vermeintlich Federn wachsen, es gibt eine Nähe, die an die Ewigkeit rührt mit einer Anmutung eines „Bis dass der Tod uns scheidet“: „Nie werde ich mich vor dir verstecken / Immer dort sein, wo du allein mich findest.“ (Niemals).
Mit der Direktheit ihres Ausdrucks zieht Astrid Kohlmeier die Leserin, den Leser ins Vertrauen, macht sich selber zur Vertrauten, mit der mancher und wohl mehr noch manche mitleiden mag, wenn die Autorin uns mitnimmt in eine Geisterbahn aus kleinen Enttäuschungen, unvermittelter Zurückweisung, ambivalenten Gesten, aufkommender Kälte, kränkelnder und zur Neige gehender Zuneigung; wir begleiten sie in ihrer Traurigkeit beim Anblick der Straßenbahn, die sie einst zu IHM brachte, und nun nirgendwohin. Wir erleben einen Abschiedskuss an einer Weggabelung, die eine lange Straße zu zweien macht und die Fassungslosigkeit ob des Geschehens: „Wie oft noch muss ich mich singend dir ergeben / Bevor mein dummes Herz begreift / Dass es dir fernbleiben muss / Um dir nahe zu sein“ (Die Nachtigall).
Und es gibt die Hoffnung, ja die Gewissheit eines Lebens in wiedergewonnener Selbstbestimmung, als die beiden sich „zerliebt“ haben: „Nie wieder will ich mich dir vertraut machen / Und mir selbst dabei eine Fremde werden / Nie wieder – zwei einsame Worte / Am Ende einer innigen Berührung.“ (Nie wieder)
Gewiss geriet diese Rezension ein bisschen zu einem Zitatenkästchen, allein, es sprechen die Worte der Autorin gut für sich selbst und bedürfen nicht einer sich ausbreitenden Deutung. Der Rezensent seinerseits unterbrach die Lektüre wiederholt zugunsten kurzer Träumereien und dem, was man in Wien „Sinnieren“ nennt, um danach zur Abrundung einige Lieder von Kris Kristofferson zu hören: „Loving her was Easier (Than Anything I’ll Ever Do Again“, „For the Good Times“ und natürlich „Help Me Make It Through the Night“. Und das ist ein hohes Lob für Kohlmeiers Gedichte.
Erich Schirhuber (2026)