Rezension
Ida Leibetseder
Die Menschin. Apfel und Erde
Bibliothek der Provinz 2025, 100 Seiten
ISBN 978-3-99126-294-7
Es scheint mir, als läge der Welt eine Regel zugrunde. Ungeschrieben liegt sie in unserem Handeln. Und diese Regel hat wiederum nur Regeln und keinen Inhalt. Diese Zeilen schreibt die Protagonistin, die „Lacknerin“, wie sie in der Nachbarschaft genannt wird. Sie, die Menschin, in einer unmenschlich gewordenen Umgebung, schreibt sich den Frust von der Seele, darauf achtend, dass der Anschein gewahrt bleibt, es ginge alles seine geregelten Bahnen, in der dörflichen Beschaulichkeit des Mühlviertels im Jahre 1945. Der Ehemann und drei Söhne – alle unter der Erde. Der jüngste Sohn, Hannes, eben erst als Deserteur erschossen. Eva Lackner, Mutter und Ehefrau, bleibt zurück. Sie macht sich Vorwürfe, die Mörderin ihres Sohnes zu sein und hält gleichzeitig den Bauernhof am Leben. Immer wieder fährt ihr der Schmerz ein, der seelische wie der körperliche, bei der anstrengenden Feldarbeit oder beim Bändigen des Viehs. Und immer wieder liegt sie im Bett, auf ihr und über ihr die Decke. Eva, im einsamen, ländlichen Paradies. Die Adams? Tot.
Dennoch ist keine Resignation festzustellen, und falls doch, dann denkt und schreibt sich Eva Lackner die Zweifel weg, denn ihr Alltag bleibt geprägt davon, vom „Denken zum Tun“ überzugehen. Niemand, einzig sie, ist für die Bewirtschaftung des Hofs verantwortlich. Fällt sie, fällt alles. Ihr Umfeld ist ihr zwar vertraut, aber die Distanz, etwa zum Nachbar Franz und dessen Frau, oder auch zum invaliden Schwager, ist spürbar, lesbar. Die auktoriale Erzählperspektive blickt ins Innere der Protagonistin, schildert, wann Eva gerne etwas sagen würde, es dann aber doch unterlässt – urteilt dabei jedoch nie.
Ida Leibetseder bedient sich auch einiger sprachlicher Finessen, wie den vielen Onomatopoesien, die uns das Apfelschälen, das Entkernen, das Eierrühren, das Teigkneten, den Grasschnitt mit der Sense/ das Mähen mit der Sense lautmalerisch näherbringen. Überhaupt sind die knappen Landschafts-, die Arbeits- und die Alltagsbeschreibungen erfrischend unaufdringlich und außergewöhnlich: Das Sensenblatt war kalt. Das Gras frisch. Die Nacht auf Abkehr. Der Tag am Erwachen. Und die Vögel sangen bereits. Die Pflicht. Rrrsch. Die Sense zog durch die Wiese. Mit Elan von links nach rechts. Schnitt bezeichnend. Einen Halbkreis nach dem anderen. Und in derselben Form die Sonne. Stieg immer höher. In der Wiese stand die Luft. Sie ächzte beim Aufrichten. Das Gras gehörte geschnitten. Sie war spät dran damit.
Aber die Idylle ist keine Idylle. Das Paradies kein Paradies. Die Menschen sind nicht menschlich. Am Schluss, als Eva gegenüber ein Adam steht, einer, der die Gräuel des Regimes am eigenen Leib erlebt hat, ausgemergelt und geschunden, kann der Leser sich sicher sein, dass sie, die „Menschin“ Eva, der Hasenjagd im Mühlviertel den Kampf ansagt, dass sie, die „Menschin“, menschlich ist.
Clemens Ottawa (2026)