Rezension
Constantin Schwab
Die grünen Augen der Liza de Mink
Kremayr & Scheriau 2026, 160 Seiten
ISBN 9783218015264
Ein allgemeingültiges, verbindendes Merkmal des „Roman Noir“ suchen viele schon lange. Ganz vermessen stelle ich als solches fest: Im „Roman Noir“ scheitert ein Mensch daran, die Welt zu begreifen und Antworten zu liefern, obwohl es seine Aufgabe wäre. Meist ist es ein Detektiv, der ein Fragezeichen auflösen soll, dabei aber immer nur weitere Fragezeichen aufdeckt, die mit dem ersten verhakt sind. Mag es mit einem Verbrechen beginnen, liegen am Ende auf der Gesellschaft, ja, auf der menschlichen Existenz an sich, undurchschaubare Schatten.
Constantin Schwabs Roman „Die grünen Augen der Liza de Mink“ steigt direkt in das vertraute Setting einer Detektei ein: zwei Partner, eine vorlaute Assistentin und eine junge Frau, die verschwunden ist, aber gefunden werden muss. Wir schreiben das Jahr 1975 in Wien, die Verschollene stammt aus Belgien und die Ermittler sind Studienabbrecher (Recht und Philosophie). Dementsprechend hochgeistig und hochgebildet geht der namenlose Ermittler an seinen Auftrag heran: So erkennt er etwa auf Briefmarken flämische Kunstmotive, während sein Kollege Matti ein Faible für alles Finnische hat, etwa das Werk des bisher einzigen finnischen Literaturnobelpreisträgers Frans Eemil Sillanpää, ja, den Traum hegt, selbst einmal nach Finnland zu gehen. Vorerst jedoch gilt es, die titelgebende Liza de Mink aufzuspüren, und zwar in einem Wien, das zwischen intellektueller Selbstbefragung und subkultureller Aufbruchsstimmung hin und her flimmert. Der auftraggebende Brief aus Antwerpen vermutet sie in der Otto-Muehl-Kommune. Diese zu infiltrieren ist nicht schwer, sucht deren Gründer doch so viele Menschen wie möglich zum Indoktrinieren.
Der Aktionskünstler Otto Muehl – später als Sexualstraftäter verurteilt – bleibt Randfigur; entscheidend ist die Begegnung mit Judith, deren grasgrüne Augen wie ein Beweis für ihre wahre Identität aufleuchten, doch sich als schillerndes Rätsel herausstellen, das den rastlos Erkenntnisgetriebenen lange in seinen Bann und weit weg mitzieht.
„Die grünen Augen der Liza de Mink“ frischt ein Genre auf, das wir wohl mehr mit den zur Filmgeschichte gewordenen Kinoadaptationen verbinden als mit deren literarischen Vorlagen. Kaum verwunderlich also, dass dieser Neo-Noir-Roman das Sehen selbst ins Zentrum rückt: Beobachten und Beobachtetwerden, Bühne und Blickregie, Auftreten und Verschwinden – all das an verschiedensten Schauplätzen zwischen Österreich, Belgien und Finnland. Doch das hier herrschende Weltprinzip bleibt: Einer weiß nichts, glaubt, etwas zu wissen, aber dann stellt eine neue Information alles auf den Kopf und er weiß weniger als zuvor. Ludwig Wittgenstein lässt grüßen (auch wörtlich, in Zitaten).
An Kunst spielt nicht nur der Aktionismus eine Rolle, sondern auch die Malerei. In stilistischer Fortschreibung seines Debüts, „Das Journal der Valerie Vogler“, zeichnet der Autor liebend gerne mit Worten Gemälde eindrucksvoll nach. Schwab zeigt erneut, wie verführerisch schön ein Bild sein kann, und wie schnell es sich als trügerisch erweist. Brachiale körperliche Gewalt steht an der Tagesordnung, immerhin sind „Die grünen Augen der Liza de Mink“ ja auch „hard-boiled“.
Der Roman beginnt am Ende eines Labyrinths, wandert auf lakonisch erzählten wie geistreich durchsetzten Irrwegen und gelangt auch wieder hinaus; nur stellt sich beim Rückblick die entscheidende Frage: Schauen wir auf dasselbe Labyrinth zurück, durch das wir hindurchgeführt wurden, oder auf ein völlig anderes, das sich erst durch unsere Lektüre gebildet hat? Constantin Schwab macht hohe Kunst daraus, dass ein Mensch sich nicht auskennt.
Markus Grundtner (2026)