Rezension
Gerald Szyszkowitz
Der Chef will das nicht
Wie Kottan, Alpensaga und Arbeitersaga gegen politische Widerstände im ORF entstanden
Praesens Verlag 2025, 396 Seiten
ISBN 978-3-7069-1295-2
Gerald Szyszkowitz kann man als eloquenten Marathonmann der Kreativität bezeichnen. Der umtriebige Tausendsassa mit komplexer und interessanter Vergangenheit ist nicht nur „ein in der Schauspielschule Krauss in Wien korrekt ausgebildeter, staatlich geprüfter Schauspieler“, sondern promovierte auch 1960 im Fach Theaterwissenschaft und hat viele Jahre als Dramaturg und Regisseur gearbeitet. Was ihn weithin bekannt machte war sein Engagement als Fernsehspielchef des ORF von 1973–1994, das 1988 kurz durch seine Degradierung zum Musikchef des Medienunternehmens unterbrochen wurde. In dieser Zeit machte er den Weg frei für „über 1200 Filme“, darunter legendäre Formate wie Die Alpensaga, Die Piefke-Saga und Die Arbeitersaga, die satirische Serie Kottan ermittelt sowie die „Proletenserie“ Ein echter Wiener geht nicht unter, die er gegen mannigfaltige Widerstände durchsetzte. Szyszkowitz ermöglichte auch zahlreiche Literaturverfilmungen, die zum Teil international preisgekrönt wurden, und engagierte sich für die Nachwuchsförderung. Dabei war es ihm stets ein Anliegen, Unterhaltung und Information zusammenzudenken und kritische Filme zu machen – „aber bei denen sollen trotzdem möglichst viele Leute zuschaun. Und dabei sollen die Leut möglichst auch noch lernen!“ Wie nebenbei hat er außerdem eine Fülle eigener Texte publiziert, nämlich „über 20 Romane, über fünfzig Theaterstücke, unzählige Artikel dort wie da“. Weil ihm das noch nicht genug war, wurde er nach seiner ORF-Zeit Anfang der 2000er Jahre Direktor der Freien Bühne Wieden und ermöglichte dort über dreißig Uraufführungen von Stücken zeitgenössischer Autor:innen wie Peter Turrini, Erika Mitterer und Milo Dor.
Von all dem erzählt der mittlerweile 87-jährige Gerald Szyszkowitz in seinem jüngsten Buch mit dem zündenden Titel Der Chef will das nicht. Es ist so viel mehr, als es der verkaufstechnisch geschickt gewählte Untertitel „Wie Kottan, Alpensaga und Arbeitersaga gegen politische Widerstände im ORF entstanden“ nahelegt. Denn es handelt sich um die Berufsbiografie eines Mannes, der, mit ziemlicher Sturheit, Konsequenz und hartnäckiger Überzeugungskraft ausgestattet, gemeinsam mit Gleichgesinnten den ORF seiner Zeit veränderte und österreichische Filme gegen vielfache Versuche politischer Einflussnahme möglich machte. Das Buch ist eine lesenswerte, gelegentlich ein wenig redundante Mischung aus Tatsachen, Insiderwissen und Tratsch, in die er immer wieder Tagebuchnotizen der damaligen Zeit einfließen lässt.
Geschrieben sind die zwölf Kapitel meist aus der Ich-Perspektive. Nur im elften Teil, in dem der Autor an die wechselnden Generalintendanten seiner Ära erinnert, wechselt er in die dritte Person und wird „der Grazer“, während sein wichtigster Mitermöglicher, Generalintendant Gerd Bacher, als „der Salzburger“ in Erscheinung tritt. Dieser hatte ihn zum ORF geholt in der Erwartungshaltung, dass der Neue „jez mit lauta naiche Autoren … und lauter naiche Regisseurln … lauter naiche Gschichtln machn“ wird, was mit Bachers Unterstützung auch gegen vehemente politische Begehrlichkeiten gelang. Weniger gut lief es hingegen mit den Nachfolgern Bachers, wie Szyszkowitz so kritisch wie nachvollziehbar begründet. Und er erinnert auch die Entstehung einiger Filme, er erzählt von Mitstreiter:innen, erinnert an Begegnungen und seine Zusammenarbeit mit Autoren wie Peter Turrini, Georg Stefan Troller oder Michael Scharang sowie mit Regisseur:innen wie Axel Corti, Käthe Kratz und Fritz Lehner.
Das Buch ist zugleich ein interessantes historisches Zeitporträt. Der 1938 geborene Autor begibt sich auf die Spuren seiner Familie mit dem schwierigen Namen Szyszkowitz, die er bis ins Jahr 1373 zurückverfolgen kann. Er erzählt von seinen Kinderjahren während des Kriegs, den Verbindungen der Eltern zum Dritten Reich sowie den schwierigen Nachkriegsjahren. Und er lässt uns teilhaben an seinem weiteren Weg in der Zweiten Republik, der ihn zu der Person machte, die er heute ist. Nur nebenbei erwähnt Gerald Szyszkowitz, dass er auch Vater ist. Bei all dem Detailreichtum der vorgelegten Biografie wäre es interessant gewesen, wie er sich selbst in seiner Vaterrolle einschätzt. Und es erstaunt zunächst, dass er die Frauenemanzipation zur Sprache bringt. In seiner Zeit als Fernsehspielchef bildet sich dieses Interesse noch nicht ab, weil er fast ausschließlich mit Autoren und Regisseuren zusammenarbeitete. Erst als Leiter der Freien Bühne Wieden änderte sich das, als er versuchte, die Emanzipation im Spielplan und in seinen eigenen Werken zu thematisieren – eine bemerkenswerte Wandlung.
Monika Vasik (2026)