Rezension
Manfred Chobot
Das Hortschie-Tier und Die Lurex-Frau
Buch:
edition lex liszt 12 2022, 376 Seiten
ISBN 978-3-99016-217-0
Hörbuch als Audio-CD:
edition lex liszt 12 2024
ISBN 978-3-99016-256-9
Manfred Chobot ist, wie jeder weiß, der ihn näher kennt, ein notorischer Nachtarbeiter. Wer es so wie er versteht, die Nacht zum Tag zu machen, der weiß auch, dass in allen Ecken und Winkeln des Tages Träume auf uns warten, Wunschträume und Alpträume, Wachträume und Sekundenträume; dass die Logik des Traumes nicht mit dem Erwachen außer Kraft gesetzt ist, sondern fortwirkt in unserem Reden und Tun und die Wirklichkeit überhöht, übersteigt und mitunter zu einer Hyper-Wirklichkeit verzerrt, zumindest für jene, die Antennen dafür haben. Ganz in diesem Sinne nennt Chobot seine bisher umfangreichste Prosasammlung – man übertreibt nicht, wenn man von einem Opus Magnum spricht – eine Sammlung von „Hyper-Texten“.
In den frühen Jahren des Internets, war unter manchen Literaturtheoretiker/innen viel vom Hyper-Text als non-linearem literarischem Verweissystem die Rede. Ich erinnere in diesem Zusammenhang vor allem an Walter Gronds Essay „Der Erzähler und der Cyberspace“ (1999). Manche sahen so wie Grond damals schon mit dem weltweiten Netz den Boden für eine neue ästhetische Avantgarde bereitet.
Chobot interessiert das alles herzlich wenig; ein Theoretiker war er nie, sondern stets ein Praktiker durch und durch, ein Praktiker des Schreibens, des Reisens, des Genießens, vor allem aber auch des Träumens. Dass der Traum für seine literarische Arbeit immer eine bedeutende Rolle spielte, zeigt bereits ein flüchtiger Blick auf seine Bibliographie. Darin findet sich eine „Erzählung in Träumen“ (2011) ebenso wie die bibliophil gestaltete Blütenlese „literarischer Träume“, die er gemeinsam mit Dieter Bandhauer bei Sonderzahl unter dem Titel „Die Wunderwelt, durch die ich schwebte“ (2011) herausgegeben hat. Zu nennen ist vor allem auch der schmale, von Regina Hadraba graphisch gestaltete Kurzprosaband „Die Ernte der Stachelbeeren“ (2007). Nimmt man ihn heute wieder zur Hand, so erkennt man darin einen Vorboten der nun schon seit einigen Saisonen vorliegenden und inzwischen um ein Hörbuch erweiterten Sammlung „Das Hortschie-Tier und Die Lurex-Frau“.
Der Ton, der hier vorherrscht, war schon in der „Ernte der Stachelbeeren“ deutlich zu vernehmen. Da lustwandelt ein Ich durch eine Welt, die alles ist, was nicht der Fall ist, und in der alles möglich ist: Gruppenreisen zum Mond und Häuser, die jäh verschwinden. Das alles wird registriert, mit kindlicher Neugier und ohne große Verwunderung.
„Wundern Sie sich nicht!“ – dieses Motto könnte auch über der großen, in dreizehn Abschnitte gegliederten Sammlung stehen, die Walter Schmögner kongenial mit Buchschmuck versehen hat.
Dieses leider viel zu wenig beachtete Buch ist auf seine Weise, ohne jede demonstrative Gebärde und in all seiner kalauernden Verspieltheit und bizarren Buntheit, eine Antwort auf unsere aus den Fugen geratene Gegenwart.
Denn einem Zeitalter, in dem es möglich ist, dass eine Figur wie Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Statten gewählt und wieder gewählt wird, ist mit Vernunft allein nicht beizukommen. Man tut also gut daran, seinen Sinn für das Skurrile und Absurde zu schulen. Chobots Hyper-Texte bieten dafür in einer lustvollen, überschäumenden Manier eine perfekte Handhabe. Hier gehen Reales und Irreales immer neue schillernde Mischungen ein, hier ist immer mit allem zu rechnen: dass man sich im Handumdrehen in einem anderen Leben wiederfindet oder auf einem anderen Kontinent, dass ein Vulkan zum Museum wird, eines Morgens beim Blick aus dem Fenster ein Kronenkorkenberg die Sicht versperrt, dass man unerwartet Karriere macht – als Taxifahrer wider Willen oder als David Bowies Schatten – oder auch, dass man sich plötzlich einbildet im Sterben zu liegen, bis man sich eines Besseren besinnt:
Keine Chance mehr, ich muss sterben, liege da und warte auf den Tod. Alles ist entschieden. Liegen und Warten auf den Augenblick des Weggleitens. Wie wird es sein, nicht mehr zu sein? Ziemlich beschissen! Einige Dinge sind noch zu regeln, entsprechende Anweisungen müssen gegeben werden. An Marlis die Bitte, dass unveröffentlichte Gedichte in einem Band zusammengefasst werden, Material dafür gibt es genügend im Ordner hinter meinem Schreibtisch. – Doch dann die Erkenntnis: Ich habe absolut keine Lust zu sterben, dafür besteht keine Notwendigkeit, noch bin ich munter und kräftig genug weiterzumachen. Tatsächlich bin ich noch nicht tot, kann mich bewegen und handeln … aufstehen. Dass ich jetzt sterben muss, lasse ich mir nicht einreden, vielmehr werde ich meine Belange selbst erledigen. (S. 315)
Nachdem man kreuz und quer in diesem Buch gelesen hat, wieder und wieder, ist man überzeugt davon, dass sein Autor noch lange nicht bereit ist, seine Belange in andere Hände zu geben und noch lange, Nacht für Nacht und Traum für Traum, am Wort bleiben wird, am Formulieren mit der ganzen Fülle seiner anarchischen Phantasie.
(Was es übrigens mit den titelgebenden Figuren, dem Hortschie-Tiers und der Lurex-Frau auf sich hat, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.)
Christian Teissl (2026)