Rezension
Elisabeth Schawerda
Castello 3601
Mit Offsetfarblithografien von Ingrid Brandstetter
Edition Thurnhof 2025, 40 Seiten
ISBN 978-3-900678-69-2
Und wieder eines dieser schönen Bücher – diesmal in Orange.
Man muss es anschauen, bevor man es aufschlägt. Eine Frau blickt zurück, sie scheint aus dem Cover zu kommen, zieht uns in das Buch hinein.
Wir schlagen es auf – die Autorin erwartet den Tag.
Oft schon haben wir einen Sonnenaufgang gesehen, durch die Augen der Dichterin sehen wir ihn neu – Es steigt aus dem Meer, zögernd. / Ein Streifen seltsam fremden grünlichen Schimmers erscheint … Ich erwarte Aurora, rosenfarben. / Ich erwarte die feurige Pracht, / … Ich erwarte den neuen Tag.
Mit Elisabeth Schawerda betreten wir das bekannte Venedig neu – Die Füße erkennen den Marmor, / er flüstert mit ihnen. / Fremde Geräusche hüllen dich ein. / Vokalische Stimmen perlen vorbei. Sie führt uns in schwindelnde Höhen, hinauf auf ihre Altana, die venezianische Dachterrasse. Sie schenkt uns einen neuen Blick über Venedig. 15 Kirchen sind von dort oben zu sehen: Zuerst ruft es blechern von San Martino. / Dann schwappt zur Antwort die kleine Welle / fröhlich bimmelnd von San Giovanni dazu. / … Und dunkler das ferne Pietro. / Und Woge auf Woge ergießt sich zur Flut / San Marco erwartend.
Doch nicht nur Kirchen sind von der hölzernen Terrasse zu sehen – Campanili und Kuppeln / ragen wie Dalben / aus dem Häusergewoge. Und auf der über den Dächern schwebenden Altana lässt sich noch mehr erleben – über mir / Möwengekreisch Taubengeflatter. / Schrille Pfiffe der Mauersegler / stoßen haarfeine Pfeile ins Blau. / Nah im Gezweig der Antennen/ inbrünstiger Amselgesang.
Einmal auf einer Altana hoch über Venedig verweilen und du kommst dem Spirit von Venedig ganz nah.
Elisabeth Schawerda wird alles zur Poesie, selbst der Weg zum Altpapier-Boot – 7 Uhr morgens der erste Café / für die Burschen der Müllabfuhr. / Später kommen die alten Herren … Buon giorno, Signora, un café? / fragen sie höflich / auf meinem Weg zum Altpapier-Boot … Ein paar Wörter im Stehen, ein Morgengruß
Das Meer spricht zu ihr – Wie bitter duftendes Lagunengras / hält ein samtiger Klagelaut / Gewesenes aufrecht. / Meeressilben angespült mit Sand / aus zerriebenen Bergen.
Sie findet für uns in Venedig ein ‚prächtiges Übermaß‘ – In harmonischer Nachbarschaft / spiegeln sich Barock Gotik / Byzanz und Orient / mit kühler Renaissance / in zärtlich flimmernden Kanälen. Die Dichterin weiß auch, wie Venedig schmeckt – Süßsalzig / der Duft der Lagune. Auf der Zunge / leise und bitter / der Geschmack der Vergangenheit.
Elisabeth Schawerda geht mit uns zu Kirchen, zu den Stufen von Santa Maria della Pietá, lässt uns die Waisenmädchen aus Vivaldis Chor hören – Hier sangen, erzählte ich dir, / die Waisenmädchen, / Vivaldis berühmter Chor. / … Doch schien es, als hätten die Mauern / in schwingender Stille / die süßen Stimmen der Mädchen bewahrt. Den Sprung zu einer Kirche müssen wir noch machen, zu ‚Il Redentore‘ – Palladios kühle Schönheit / strahlt über den Giudecca-Kanal.
Doch können wir Venedig verlassen, aber ohne eine Hommage an die Liebe?
Ich seh mich mit deinen Augen / und finde mich schön … Auch wenn ich dich lang schon vermisse, / deine Blicke fühl ich noch immer. / Ich lächle mir zu. / Ich lächle dir zu / wie damals in der Morgensonne.
Und so schließt sich der Kreis zum Sonnenaufgang.
Ist das Venedig, das die Dichterin vor uns ausbreitet, ein anderes Venedig als das unsere? Die Steine, mit denen die Stadt erbaut ist, sind wohl für alle dieselben. Es wird der Blick sein, der ein anderer ist; ein poetischer Blick, mit dem die Dichterin nicht nur sieht – auch uns Verborgenes –, sondern auch Wirklichkeit gestaltet. Wenn es gelingt, mit ihrem Blick durch die Stadt zu gehen, könnte sich auch für uns Venedig in ein poetisches verwandeln.
Die Autorin zaubert für uns mit Worten, die bildende Künstlerin Ingrid Brandstetter setzt uns mit ihren Farblithographien mitten in der Stadt ab.
Elisabeth Schawerda lebt nicht nur in Venedig – wo, das bleibt geheim –, Venedig lebt auch in ihr.
Claudia Taller (2026)