Rezension
Siljarosa Schletterer
„azur ton nähe“ & „entschämungen“
azur ton nähe
Limbus Verlag 2024, 96 Seiten
ISBN 978-3-99039-261-4
entschämungen
Limbus Verlag 2025, 96 Seiten
ISBN 978-3-99039-265-2
Es gibt bekanntlich viele verschiedene Wege und Möglichkeiten, aus einzelnen Gedichten ein Buch zu bauen: den einer thematischen Auswahl, den einer Nachlese aus der Produktion mehrerer Jahre, den einer locker angeordneten Sammlung voneinander unabhängiger Texte und den anspruchsvolleren, der die Gedichte zu Zyklen vereinigt. Siljarosa Schletterer geht den schwierigsten Weg: Sie komponiert Vers um Vers, Gedicht um Gedicht – und am Ende steht ein großes, buchfüllendes Stück Sprachmusik. Das zeigt sich an beiden Bänden, die bisher von ihr erschienen sind und bei der Kritik große Beachtung gefunden haben: „azur ton nähe“ und „entschämungen“. In bezeichnender Weise trägt keines von ihnen den für Lyrikpublikationen üblichen Untertitel „Gedichte“; sind auf dem Cover des ersten „flussdiktate“ angekündigt, so nennt sich das zweite eine „körperkantate“. Beide Bücher halten, was ihre Untertitel versprechen.
In „azur ton nähe“ belauscht Siljarosa Schletterer den Tonfall des Wassers, folgt den Bachläufen und Flussverläufen ihrer näheren Umgebung und kartografiert das Adernetz der Flüsse, Ströme und Kanäle querlandein durch halb Europa. Sie ahnt: „wasser hat seinen eigenen fingerabdruck“ (S. 34) und nimmt jeden Fluss, jede Flüssin – die Grammatik der Wellen hat bei ihr viele Geschlechter – bei seinem und bei ihrem Wort. „wasserworte / bleiben / verlässlich“ (S.75), heißt es in einem der beiden Flussdiktate, die sie an verschiedenen Stellen des Rheins aufgezeichnet hat, und die Reihe dieser lyrischen Diktate endet mit den Worten: „bleib dir treu // zum abschied“ (S.83).
Die Dichterin ist sich und ihrer kühnen Art, die Silben zum Klingen zu bringen, treu geblieben, wie ihre „entschämungen“ beweisen. In zwei Teile gegliedert, einen kleineren mit 25 Gedichten und einen größeren mit 65, von denen jedes mit musikalischen Termini wie „aria“, „duetto“, „recitativo“ oder „coro“ überschrieben ist, kreist dieses Buch um den „sehnsuchtsort körper“ (S. 13) und versucht in einem vielstimmigen Gesang für die menschliche, besonders aber für die weibliche Anatomie eine neue Sprache zu finden, eine Sprache, die uns für das seit undenklichen Generationen von Scham Verhüllte die Augen öffnet, um es in Freiheit neu sehen und schätzen zu lernen.
Wir alle wissen – auch wenn unsere Erziehung uns vielleicht daran hindert, es zuzugeben: „das wegschämen / hat noch nie geklappt“ (S. 88). Siljarosa Schletterers Körperkantate stemmt sich mit der ganzen Wucht ihrer im Kern so zarten und fragilen Sprache gegen die uns eingetrichterten Kulturtechniken des Wegschämens und Verschweigens und stellt der kalten analytischen Diktion des anatomischen Lehrbuchs und seiner patriarchalen Art, den Körper zu kolonialisieren und zu kujonieren, einen radikalen Perspektivwechsel entgegen.
Aus einem normierten Körperbau wird so ein kosmischer Erfahrungsraum, dessen Sonnensysteme neu zu vermessen und zu benennen sind. „von den sternen kommen wir / sind aus galaktischem staub gebaut“, weiß die Dichterin (S. 66) und diese poetische Gewissheit ermöglicht es ihr, aus allen Verengungen, die durch die anatomische Nomenklatur festgeschrieben wurden, ins Weite und Offene zu gelangen, Scham durch Charme zu ersetzen (S. 27) und die Leiber nicht länger „zu beschämen“, sondern sie mit Worten liebevoll zu berühren (S. 15), die Berührungen zu entzwecken (S. 29) und die Ordnung der Begriffe aufzubrechen, um ein Vokabular an ihre Stelle zu setzen, das einen anderen Umgang mit dem eigenen Geschlecht und der eigenen Körperlichkeit ermöglicht.
Siljarosa Schletterer hat mit ihren vorliegenden ersten beiden Bänden einen Ton und einen ästhetischen Ansatz in die deutschsprachige Gegenwartslyrik eingebracht, die ohne Beispiel sind und eindrucksvoll zeigen, was es heißt, an die äußersten Grenzen dessen zu gehen, was sich ausdrücken lässt, und von dort mit einer neuen Fracht an Bild und Klang zurückzukehren.
Johanna Peimpolt & Christian Teissl (2026)