Rezension
Bernadette Maria Schiefer
AGAVENVÖGEL. Abwesenheit des Lichts
Gedichte und Prosaminiaturen
Verlag Klingenberg 2024, 78 Seiten
ISBN 978-3-903284-48-7
Die bereits mit etlichen Auszeichnungen bedachte Schriftstellerin, Fotografin und Verlegerin Bernadette Schiefer hat mit „Agavenvögel – Abwesenheit des Lichts“ eine kleine, feine Sammlung lyrischer und prosaischer Texte vorgelegt, wobei die Grenze zwischen Lyrik- und Prosatexten nicht eindeutig festgemacht werden kann, handelt es sich doch um eine erzählende Lyrik, die an den Magischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur erinnert. So beginnt auch das erste Poem „Tres tristes tigres“ mit einem überwältigenden Bild: „Die Vulkane bluten. / Rauch streicht über ihre Wangen wie eine müde Hand. / Der Schmerz hat keine Zahl. / Unter der Erde wachsen Gesichter. / Sie liegen am Feld wie Spiegel.“ Schon im Titel wird deutlich, dass die vielgereiste Autorin auch eine vielbelesene ist und ihre Zeilen nicht ohne Querverweise auf Papier bringt.
Die Titel der einzelnen Kleinode sind dabei so poetisch und mit Magie aufgeladen wie die Texte selbst. Dieser Umstand erklärt die Tatsache, dass für den gesamten Band gleich zwei Textüberschriften als Werktitel herhalten mussten.
In „Abwesenheit des Lichts“ auf Seite 12 treffen einander vier Frauen unterschiedlichen Alters in einem Lokal: die Mutter, die alle vier einlädt, die Tochter, die Fremde, die einen Tod zu beklagen hat, und das kleine Mädchen. Es herrscht eine undurchdringliche Sprachlosigkeit zwischen den Protagonistinnen, die Schiefer allein am Verhalten des kleinen Mädchens festmacht: „Das kleine Mädchen isst nichts. / Es ritzt mit dem Zahnstocher Zeichen in das Tuch. / Die Mutter, die eigentlich die Eingeladene sein soll, stellt Fragen. Wo es war, wo die Fremde und der Tote? Wie die Arbeit? Und was die Freude? Und die Familie? Alles ist gut.“
Tiere, Pflanzen, Landschaften, Orte der Vergangenheit oder auch Träume – Schiefer kreiert in den kurzen Texten ganze Welten voller Emotionen und mystischer Bilder. „Die Bäume kamen nachts an mein Fenster. / Sie strichen die Äste aus ihrem Gesicht / und pfiffen durch die Zähne. Sie sagten: Kind, das in der Wiege liegt, wach auf.“ Dieser mit „Bäume“ so schlicht betitelte Text schließt mit einer in Klammern gesetzten Anmerkung – „In Erinnerung an Alvaro, eines der unterernährten Kleinkinder in Guatemala, der viel zu früh gestorben ist.“
– und ist ein Verweis auf Schiefers Tätigkeiten im Bereich sozialer Projekte und Forschungen in Nicaragua, Mexiko, Kuba, den USA und eben auch Guatemala. Gleichzeitig setzt sie hier einem kleinen Opfer von Ausbeutung und Ignoranz ein literarisches Denkmal. Diese kurze Anmerkung kann auch als Anklage gelesen werden.
„Agavenvögel“, der haupttitelgebende Text, kommt der Gattung Prosa schon sehr nahe, doch lässt auch hier die Formatierung berechtigte Zweifel aufkommen. Und genau das macht den besonderen Reiz der Texte in diesem Band aus: Sie mäandern zwischen beiden Gattungen. „Hör mir einfach zu. Beuge dich nach vorne, und jetzt bewege deine Arme so, ein bisschen so, als würdest du fliegen. Das Kinn nach links, den Oberkörper gerade. Am Oberarm sollte man das Tattoo sehen.“ „Er“, der vermeintlich verstorbene „Profifotograf“, gibt seiner Schwester, während beide in Erinnerungen schwelgen („Weißt du noch, wie wir auf den Feldern standen und nach Kartoffeln gruben?“), Anweisungen, um sie zu fotografieren. Ein Klagelied an eine gemeinsame Erinnerung und ein unter die Haut gehender Text, der wie der dem Band vorangestellte Aphorismus Emily Dickinsons eines der Kernthemen Schiefers offenbart. Der Verlag beschreibt Schiefers Herangehensweise als „eine spirituelle Suche nach dem Menschlichen und nach dem Göttlichen. Es ist die Begegnung mit dem Tod und seine Überwindung durch die Liebe.“ Dass der Bruder „Profifotograf“ ist, scheint auch kein Zufall: Die im Buch sparsam, aber gezielt gesetzten Schwarz-Weiß-Fotografien Schiefers spiegeln die Texte in all ihrer Mystik und traumartigen Atmosphäre.
„Meer, geliebtes Meer. / Mit der Kraft tausender Winde, / deinen Zorn aus allen Venen schreiend“ heißt es in „Meer. Ode.“ – eine Art Anrufung, in der Anklänge an den Minnesang des Mittelalters deutlich werden. Bernadette Schiefer schöpft für die vorliegenden Texte aus ihrem reichhaltigen Wissensschatz – dass sie ihr Philosophiestudium mit einer Arbeit über Sufismus und westliche Philosophie abgeschlossen hat, findet in den Verweisen auf den persischen Dichter Rumi und im Abdruck eines seiner Gedichte, dem sie ein Gedicht Rainer Maria Rilkes gegenüberstellt, seinen Niederschlag. Mit „Heimkommen“ (S. 66) wagt sie sich stilsicher an eine Nachdichtung des Sufi-Großmeisters, der interessanterweise akkurat in den USA zu den meistverkauften Dichtern gehört.
Ein veritabler Kunstgriff gelingt der Lyrikerin im Text „Brüder“, in dem sich das Standarddeutsch mit tieferem Eindringen in den Text ins Dialektale wandelt: Sie nimmt die Rezipienten bildlich gesprochen an der Hand und zieht sie anhand des Sprachduktus immer tiefer in die Geschichte hinein, die sich um „den Berger“ dreht. Schiefer beweist dabei viel Gespür für den Klang des Dialekts, in dem Fall jenen Kärntens: „Und ea locht. Und beitlt san Kopf. Und schaut eich on met sanen schenan Augn. Gö. Konnst net amoi saufn, Berger, Berger, du Sau.“
Es ist ein schlicht gehaltenes Buch voller starker Momente – in Wort und Bild –, das in dem relativ jungen Grazer Verlag Klingenberg mit einem Nachwort von Reinhard Lechner erschienen ist, der sich auch intensiv der zweisprachigen Lyrik zuwendet und mittlerweile schon eine erkleckliche Anzahl an Titeln von erstaunlicher thematischer Vielfalt produziert hat.
Bernadette Schiefer verhandelt in „Agavenvögel“ die ganz großen Themen der Menschheit in ganz kurzer Form: Liebe, Tod, Schmerz, Verlust und das Leben an sich. Dabei scheut sie auch keine religiösen Anklänge, ist doch der Glaube ein weltumspannendes Hilfsmittel, um die Bürden des Lebens und die Gewissheit der Vergänglichkeit ertragen zu können. Schiefer legt hier so etwas wie einen Weltatlas der Seele vor, in dem man, wenn auch keine gültigen Antworten für die großen Fragen, so zumindest ein bisschen Trost findet. So schließt der Band auch folgerichtig im letzten Gedicht („In Erinnerung“, S. 71) mit einem schlichten „Amen“ – so sei es.
Armin Baumgartner (2026)