Gedanken-Brücken

VORWORT

Gedanken-Brücken

Zwischen dem Zählen und Erzählen besteht eine tiefe Kluft, nur scheinbar durch eine Vorsilbe leicht überbrückbar. Und doch hängen beide Bereiche zusammen. Vom Aufzählen, Abzählen, Zuzählen kommend fühlen wir, daß wir mit dem Erzählen das Zahlenwesen überschreiten oder zu überbieten streben, um eine andersgeartete Vollständigkeit im Sinne von Ganzheit zu erlangen, zu der uns der Code fehlt. Sogar die exakten Wissenschaften unterstreichen nicht nur durch ihre Herkunft aus der Natur-Geschichte, sondern auch durch den Verweis auf das narrative Moment in der gegenwärtigen Forschung diesen Zusammenhang.

Demnach ist Erzählen ein im Menschen tief verankertes Urbedürfnis. Jeder erzählt einmal irgendwas irgendwem von seiner Welterfahrung. Von diesem erzählenden Jedermann bis zum Epos eines Volkes, einer Generationsepoche reicht die Spannweite der Epik. „Singe, oh Muse von den Taten ...“ Und die so angerufene Muse erzählt in einer sehr genau abgezählten Silbenrhythmik, dem Hexameter, verbindet also die 6-Zahl und das Erzählen zu einer klassischen Formharmonie, die bis zu Anton Wildgans‘ „Kirbisch“ ihre Faszination nicht verloren hat.
Und wir? Mit dem Jahr 1945 (Gründungsjahr des ÖSV), nach noch nie dagewesenen Massenvernichtungen von Menschen, Materialien und Kulturgütern, nach Zertrümmerung des Schatzhauses Europa ist das Erzählen mit seinen notwendigen Berichten und Beschreibungen ungeheuer schwerer geworden denn je zuvor. Ja, manchen Autoren schien es geradezu eine mutwillige Verwegenheit. Albert Janetschek drückt es so aus: die reise antreten / von einem wort / zum anderen / auf der durststrecke des zweifels.
Deshalb hat die Herausgeberin nach einem „prologhaften“ Auftakt (NENNEN WIR ES LIEBE) mit 8 Beiträgen das geschärfte kritische Bewußtsein der Autoren unter dem Titel ÜBER DAS SCHREIBEN UND DIE SCHREIBENDEN an die Spitze des Buches gesetzt. In den darauffolgenden 10 Abschnitten erleben wir diese von den Katastrophen des Jahrhunderts gezeichneten Autoren in der Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit, aber auch mit den zeitlosen Fragen und Herausforderungen.
Trotz des kollektiven Massensterbens, der Ausgrenzungen und Gewissensfragen, bleibt die eigene Befindlichkeit das Faktum, welches gebieterisch verlangt, die Vergänglichkeit alles Individuellen zur Kenntnis zu nehmen (DIESE DUNKLEN TAGE).
Im Kapitel ABSCHIEDE stehen Trennungen und neue Lebensformen im Vordergrund. Aber auch Gattungen, das WIR und die Materie bleiben zuletzt davon nicht verschont.
In einer laizistischen Gesellschaft verlagert sich der Schwerpunkt der Sinnsuche ins POETISCHE. Nach dem Verlust gemeinschaftsbildender Mythen – es sei denn, wir sehen in der „Jugendkultur“ einen Ansatz dazu – übernimmt ZURÜCK IN DIE KINDHEIT diese mythische Funktion und deren frühe Prägung des Unterbewußtseins.
Der Vermassung, verbunden mit Uniformiertheit und dem Monotonieleid, sucht man durch Mobilität zu entkommen. Man ist viel UNTERWEGS als Autor, als Quartalsnomade der Urlaubs- und Freizeit, aber auch in der Welt der Phantasie.
Zufolge der inneren Mobilität der Gesellschaft, der stärkeren Durchlässigkeit von Klassen und Zirkeln, kommt es zu SITUATIONEN, für welche kein vorgeprägter Modellcharakter ausschlaggebend ist, und die sozusagen aus dem Stegreif gespielt werden müssen.
In der Sammlung von ESSAYS zeigt sich, daß es im ÖSV tatsächlich eine Stetigkeit gibt, deren humanistische Tradition aus dem ersten Viertel des Jahrhunderts (Felix Braun) bis in die Gegenwart reicht. Klischeefreie WIENNOTIZEN leiten über vom Einst ins Dereinst.
Den Abschluß des Buches bilden zwei Abschnitte SELTSAME BEGEGNUNGEN und SKURRILES, teils zeitkritisch und besinnlich, teils charakteristisch für den kabarettistischen Zug der zeitgenössischen Literatur.
Vor jedem Themenbereich bieten Aphorismen eine Gedanken-Insel. Nicht nur Geschichten bringt dieses Buch, es selber spiegelt zufolge einer solchen, wenn auch noch so knappen Zusammenfassung aus den Arbeiten von 140 Mitgliedern im Laufe eines halben Jahrhunderts die Geschichte des Verbandes. Von den Verstorbenen wurden auch einige aufgenommen, welche in Funktionen für den ÖSV viel Lebenszeit geopfert und den Fortbestand der Organisation gesichert haben.
Franz Richter

NACHWORT

Zu der 1998 vom ÖSV herausgegebenen Lyrik-Anthologie VOM WORT ZUM BUCH gibt es viele Parallelen. Da wie dort haben wir unsere Mitglieder gebeten, uns Texte ihrer Wahl einzusenden. Wünsche wurden respektiert. Da wie dort haben wir auch verstorbene Mitglieder einbezogen. Da wie dort ist eine Gliederung der unterschiedlichen Texte in Themenbereiche erfolgt. Da wie dort haben wir für die Herausgabe die verläßliche EDITION DOPPELPUNKT gewählt.
Unserem Ersuchen, sich möglichst an das Limit von zwei Seiten zu halten, konnten nicht alle Mitglieder entsprechen, weil Kürzungen sinnstörend gewirkt hätten. Wir bitten um Verständnis.

War ich bei der Lyrik-Anthologie als Herausgeberin auf mich allein gestellt, hatte ich bei der Prosa-Anthologie wertvolle Entscheidungshilfen durch das Redaktionsteam, dem außer mir Herr Prof. Dr. Heinz Gerstinger, Frau Liesbeth Haddad-Kirchl, Herr Mag. Wolfgang Ratz und Herr Prof. Dr. Franz Richter angehörten. Die Zusammenstellung bei diesem sehr arbeitsintensiven Projekt lag in meinen Händen. Es ist mir ein Bedürfnis, als Herausgeberin an dieser Stelle allen Mitentscheidenden meinen herzlichen Dank auszusprechen. Die Herstellungskosten konnte ich durch intensive Kontakte zu Subventionsgebern erfreulicherweise sicherstellen. Alle Vorarbeiten wurden vom Redaktionsteam und Lektorat ehrenamtlich durchgeführt.

Ich hoffe sehr, daß unsere Mitglieder unsere Arbeit durch positives Echo würdigen und wünsche der Anthologie GEDANKEN-BRÜCKEN die ihr zustehende Breitenwirkung.
Eleonore Zuzak

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